Selbstreflexion – wie geht das eigentlich?

Oder: Eine Handlungsanleitung für ein verantwortliches Leben

Ich schrieb in letzter Zeit viel über Selbstreflexion und darüber, dass ich sie für absolut notwendig halte, um Lösungen zur Abschaffung des Patriarchats zu finden. Doch viele wissen gar nicht, wie sie sich selbst reflektieren können und was genau damit eigentlich bezweckt werden soll. Daher schreibe ich hier mal einige wichtige Punkte auf.

Detektiv spielen in eigener Sache

Selbstreflexion ist nichts anderes, als sich selbst zu erforschen und zu erfahren. Sie ist eine Reise zu sich selbst und ein Prozess, der in uns selbst große Veränderungen herbei führt. Ein Mensch, der sich auf den Weg gemacht hat, sich selbst zu reflektieren, lernt nicht nur sich selbst immer besser kennen, sondern auch andere Menschen. Das Verhalten gegenüber sich selbst und den Mitmenschen wird sich verändern. Die Erkenntnisse werden sich mehren. Der Geist wird wacher, die Sicht weiter und die Zusammenhänge des Lebens klarer. Es lohnt sich immer, diesen Weg zu gehen.

Sei dir gegenüber aufmerksam

Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber kann erlernt werden durch einfache Meditationstechniken. Verschüttete Gefühle können z. B. durch eine so genannte Körperreise ans Licht gebracht werden. Setze dich bequem hin, schließe die Augen und geh mit dem Geist durch den Körper, angefangen mit den Füßen, über die Beine, den Bauch, den Rumpf, die Brust, die Arme, den Hals, den Kopf. An jeder Station kannst du aufmerksam in dich hinein fühlen, wie es sich dort gerade anfühlt. Dabei kann es sein, dass unangenehme Gefühle hoch kommen. Wichtig ist, diese dann nicht zu bewerten und abzuwehren, sondern anzunehmen. Wenn du z. B. Angst verspürst, dann ist es vollkommen in Ordnung, diese Angst gerade zu spüren. Lass sie zu und verdränge sie nicht.

Bewerte nicht

Nimm die Dinge so wie sie sind, ohne sie mit dem Gewicht eines Wertes zu belasten. Das gilt besonders für deine Gefühle. Die Werte, die du den Dingen des Lebens zuschreibst, entspringen deinen angelernten und antrainierten Überzeugungen aus der Kindheit. Hinterfrage sie und sieh dir an, welchen Wert du einer Sache oder einem Gefühl zuteilst und frage dich, wie es dazu kam und ob es für dich gerechtfertigt ist.

Sieh dir deine Missverständnisse an

Sei dir im Klaren darüber, dass deine Missverständnisse immer bei dir selbst angesiedelt sind und mache nicht deine Mitmenschen dafür verantwortlich. Bemühe dich um Verständnis für alle Botschaften, die dich erreichen. Was du mit den Botschaften der anderen machst, liegt ganz allein in deiner Verantwortung, also auch, was du aus ihnen heraus hörst oder liest. Deine Interpretationen sind immer Missverständnisse der Botschaften, die dich erreichen. Dann entsprechen sie nicht mehr ihrem eigentlichen Inhalt.

Urteile nicht

Wenn du deine Missverständnisse nicht revidierst trotz Klarstellungen, dann haben sich bei dir Urteile gebildet. Werde dir bewusst, dass sie nur dazu dienen, die anderen ab- und damit dich selbst aufzuwerten. Wenn du ein nur geringes Selbstwertgefühl hast, dann wirst du eher dazu neigen. Wenn du dir deine Urteile genau ansiehst, dann wirst du feststellen, dass es in Wirklichkeit Urteile über dich selbst sind.

Bleibe bei dir

Sprich immer von dir selbst, niemals für andere. Du kannst nur für dich selbst sprechen und nur von dir selbst wissen. Was bei anderen los ist und was sie fühlen, denken, wissen, das kannst du nicht wissen. Also lass es bei den anderen und spekuliere nicht, was deren Beweggründe sein könnten, sondern beschäftige dich mit deinen eigenen.

Höre zu

Konzentriere dich auf dein Gegenüber, lass die Worte auf dich einwirken, lass dein Gegenüber ausreden (wenn du ständig unterbrichst, kannst du zwangsläufig auch nicht zuhören), nimm eine offene Haltung ein und wehre nicht ab. Verstehst du etwas nicht, dann frage nach und hole dir ein Feedback. Bleibe auf der Sachebene und versuche nicht, in die Botschaften der anderen etwas hinein zu interpretieren.

Sei nicht beleidigt

Fühlst du dich beleidigt, dann ist das ein Hinweis darauf, dass dich irgend etwas an einem wunden Punkt getroffen hat. Deine wunden Punkte aber kennst nur du selbst. Wenn sie dir noch nicht bewusst sind, dann mache dich auf die Suche nach ihnen. Der Volksmund nennt sie Fettnäpfchen. Verantwortlich ist nicht, wer in diese Fettnäpfchen tritt. In Wahrheit muss du selbst auf deine Fettnäpfchen acht geben. Das geht um so leichter, je besser du sie kennst. Sieh also jedes Mal genau hin, wenn du dich beleidigt fühlst.

Miss nicht mit zweierlei Maß

Kritisierst du gern andere, bist aber zutiefst beleidigt, wenn du von anderen kritisiert wirst? Dann misst du mit zweierlei Maß. Für dich ist es richtig, andere zu kritisieren. Du selbst aber kannst keine Kritik vertragen. Oder du belehrst gern andere. Wenn diese dir aber etwas mitteilen wollen, dann fühlst du dich plötzlich selbst belehrt und wehrst ab. Frage dich also ständig: Ist das, was ich mit anderen mache, auch in Ordnung, wenn diese es mit mir machen? Und machen die wirklich gerade das mit mir, was ich glaube?

Projiziere nicht

Wenn du keine Verantwortung für deine Defizite übernehmen kannst, dann projizierst du sie automatisch auf sich dafür anbietende Mitmenschen. Es sind genau die, deren Verhalten du verurteilst. Dann kannst du sicher sein, dass das Verhalten, was du an ihnen ablehnst, genau bei dir selbst anzutreffen ist. Werfe also nicht den anderen deren Verhalten vor, sondern sieh dir dein eigenes an. Was ist es, was du an den anderen so verabscheust? Kann es sein, dass du dich selbst in Wirklichkeit damit verachtest?

Manipuliere nicht

Verstecke deine wahren Botschaften nicht in irritierende Verpackungen. Richte deinen Blick auf das Was und nicht auf das Wie deiner Botschaft. Bleibe auf der Sachebene. Es ist nicht nötig, wahre Botschaften zu verpacken, um Mitmenschen zu irgend einer Reaktion zu bewegen. Sie werden für sich selbst entscheiden können, was sie mit deiner Botschaft anfangen.

Übernimm Verantwortung

Übernimm für das, was du anderen mitteilen willst, die volle Verantwortung. Werde dir darüber klar, was du mitteilen möchtest, und dann formuliere es sachlich. Du kannst auch Gefühle sachlich formulieren. Bist du z. B. sehr wütend, dann lass die Wut zunächst raus (aber möglichst nicht an anderen Mitmenschen). Wenn die Wut verraucht ist, dann kannst du eine sachliche Botschaft formulieren, dass dich etwas sehr wütend macht.

Lerne von dir und anderen

Wenn du die obigen Punkte ab heute beherzigst, dann hast du den ersten Schritt zur Selbstreflexion getan. Der Prozess kommt jetzt in Gang. Du wirst immer mehr über dich selbst lernen, aber auch immer mehr von anderen.  Du wirst weitere Menschen kennen lernen, die sich ebenfalls auf ihren Weg gemacht haben. Du kannst dich ihnen öffnen und deinerseits von ihren Erkenntnissen und Erfahrungen lernen. Ziehe, wenn du älter bist, die Möglichkeit in Betracht, von jüngeren zu lernen. Scheue dich nicht, wenn du jünger bist, älteren deine Erkenntnisse zu vermitteln. Öffne dich für Neues und Ungewöhnliches. Denke nicht, dass deine Erkenntnisse der Weisheit letzter Schluss sind.

Sei geduldig

Der Prozess, der nun in Gang gekommen ist, ist ein langwieriger, und er wird ein Leben lang anhalten. Du bist niemals fertig mit der Selbstreflexion. Manchmal denkst du, dass du Rückschritte machst. Es wird auch Rückschläge geben. Die sind aber notwendig, damit du noch einmal über diesen Punkt nachdenkst, bis du ihn abgearbeitet hast. Dann wird es weiter gehen. Gestehe dir auch zu, dass du deine Erkenntnisse manchmal nicht auf dich selbst anwenden kannst. Es wird Widerstände von den anderen geben, Vorwürfe, Urteile. Dann mache dir bewusst, dass es nur die Abwehrreaktionen der anderen sind, die sich mit der Veränderung, die du selbst durchläufst, noch nicht anfreunden können. Bleib geduldig und auf dem Weg. Eines Tages wirst du damit umgehen können.

Wenn du allerdings meinst, dies alles hier betrifft dich nicht, sondern nur die anderen, dann hat dich die Botschaft dieses Artikels nicht erreicht.

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Der „Hirschmensch“ aus der Höhle Trois-Frères – was sehen wir da wirklich?

Hirschmensch entpuppt sich als Rentiergeburt.

Wahrscheinkontrolle

Pintura Trois Freres

Eine der bekanntesten Höhlenzeichnungen der Welt wird gemeinhin als „Hirschmensch“ bezeichnet. Gefunden wurde sie in der Grotte des Trois-Frères in Südfrankreich. Immer wieder wird mit dieser Zeichnung versucht zu belegen, dass männliches Schamanentum seit der Altsteinzeit die Regel sei und bereits männliche Götter angebetet wurden. Es soll sich demnach um einen Gott der Tiere, um einen „gehörnten Gott“ (frz. dieu cornu), Zauberer oder einen tanzenden, männlichen Schamanen handeln. Auch als „matrifokaler Vater“ musste er schon herhalten.

Wir wissen dagegen inzwischen, dass die altsteinzeitlichen Höhlen die Heiligtumer einer Erdmutter bzw. Metaphern auf die Gebärmutter der Urmutter waren und überwiegend von Frauen ausgemalt wurden. Der spektakuläre Fund eines Frauengrabes in der Hilazon Tachtit-Höhle in Israel belegt, dass auch die Schamanen weiblich waren. Dafür sprechen auch die vielen Frauendarstellungen als Zeichnung, Plastik oder Relief, die ohne männliche Entsprechung in den Höhlen gefunden wurden.

Es stellt sich also die Frage, ob…

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Drei notwendige Dinge zur Abschaffung des Patriarchats

Kürzlich machte ich wieder einmal Erfahrungen mit der Gnadenlosigkeit patriarchaler Frauen, die sich massiv angegriffen fühlten aufgrund eigener vorschneller Missinterpretationen. Frauen fühlten sich von mir bedroht, weil ich auf etwas hinwies, was ihnen nicht gefiel und etwas kritisierte, wo sie sich zu Unrecht kritisiert fühlten. Sehr schnell wurde ein Konflikt daraus, dessen Ende (obwohl er natürlich nicht zu ende ist, denn er wurde ja nicht gelöst) war: Ich war die Täterin, die sich auch noch als Opfer stilisierte. Eine Klarstellung war nicht möglich, ich bekam dermaßen unreflektierte und wütende Antworten voller Unterstellungen, Abwertungen, Beleidigungen und sogar Drohungen, dass ich mich gezwungen sah, mich für eine Weile zurück zu ziehen. Um mich an dieser Stelle zu schützen und keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen, behalte ich Details für mich.

Dieses Beispiel, ich komme später noch einmal darauf zurück, hat mir einmal mehr vor Augen geführt, dass es nicht reicht, sich einfach nur mit den Fakten des Patriarchats zu beschäftigen, sondern dass es ganz wichtig ist, sich selbst als Teil von diesem zu begreifen mit allen gelernten Überzeugungen, Verhaltensmustern, Denkweisen, ja Ideologien und Verblendungen. Daher sind meiner Erkenntnis nach drei Dinge zwingend notwendig, um das Patriarchat in seiner Gänze zu begreifen und Ansätze zu finden, es abzuschaffen:

1. Wissen um die Entstehung und die Auswirkungen des Patriarchats

Zu diesem Thema haben andere und ich schon so viel geschrieben, dass ich mich hier ganz kurz fasse: Seit ungefähr 8000 Jahren existiert das Patriarchat. Es entstand aus verschiedenen Gründen, u. a. durch Missverständnisse bei der Beobachtung der natürlichen Vorgänge, durch Installieren der Vaterschaft, durch Besitz- und Privateigentum, durch Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der female choice der Frauen. Seit dem nimmt es seinen zerstörerischen Lauf und ist auch nicht, so wie es derzeit aussieht, aufzuhalten. Die Auswirkungen auf den Planeten und die Menschen sind nicht zu übersehen, auch auf deren Psyche nicht. Diese muss noch einmal genauer betrachtet werden:

2. Wissen um die (gestörte) Psyche der Menschen im Patriarchat

Alle Menschen sind im Patriarchat gestört, da sie ihrer natürlichen Lebensweise beraubt sind. Die Menschen tragen allesamt eine Sehnsucht in sich und wissen noch nicht einmal wonach. Sie sind Mangelwesen, deren Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Nähe, Fürsorge, Vertrauen, Geborgenheit nicht oder nur rudimentär befriedigt sind. Diese Bedürfnisse entspringen der natürlichen Lebensweise des Menschen, der Matrifokalität, die seit der Erfindung des Vaters mehr und mehr unterdrückt wurde. Zu den natürlichen Verhaltensweisen und Gefühlen haben die Menschen keinen Zugang mehr. Ich erlebe es auch immer wieder bei der therapeutischen Arbeit in Frauengruppen, wie sehr manche Frauen von ihren Gefühlen abgeschnitten sind, sie überhaupt nicht spüren oder aber, wenn sie hochkommen, sofort bewerten und verdrängen. Diese Bewertungen der eigenen Gefühle sind aus dem Patriarchat entstanden, denn sie stehen im Widerspruch zu dem, was wir eigentlich fühlen. Von Kindesbeinen an wird gerade uns Frauen eingetrichtert, unseren Gefühlen nicht zu vertrauen, denn diese seien falsch. Unsere Wahrnehmung wurde uns abgesprochen, denn so, wie wir es wahrnahmen, war es in Wirklichkeit gar nicht, wir würden uns das alles nur einbilden, wurde uns eingetrichtert. So begannen wir, unseren Gefühlen zu misstrauen, sie zu verdrängen und nur noch das zu glauben, was man uns über uns sagte. Das ist auch der Grund, warum andere Menschen, gerade Männer gegenüber Frauen, glauben, besser über uns Bescheid zu wissen als wir selbst. Wir lernten neue Überzeugungen, Regeln, Verhaltensweisen, die im Widerspruch zu unseren wahren Gefühlen standen. Deshalb verschütteten sie, und der Zugang ist nicht oder nur noch eingeschränkt möglich. Doch um die eigenen Gefühle, Verhaltensweisen, Überzeugungen aufzuspüren, abzulegen, zu ändern und zu befreien, ist es notwendig, sich mit dem nächsten Punkt zu befassen:

3. Permanente Selbstreflexion

Die Tatsache, dass wir selbst, also auch wir Frauen, uns permanent patriarchal verhalten und deshalb genau dieses immer wieder überprüfen müssen, ist eine sehr schmerzhafte Erkenntnis, sind doch wir es, die wir am heftigsten darunter leiden und am vehementesten dagegen kämpfen. Dennoch ist sie zwingend notwendig, und sie ist ein lebenslanger Prozess. Ich behaupte sogar, sie ist als allererstes zu leisten, damit muss begonnen werden, denn Veränderung kann nur aus dem Inneren geschehen. Die Abschaffung des Patriarchats fängt in den Köpfen an. Dazu gehört das Bewusstsein, dass dieser Kopf durch die jahrtausendelange Gehirnwäsche durch und durch patriarchal denkt. Weil der Kopf patriarchal denkt, handelt der Mensch auch patriarchal. Da Männer wie Frauen im Patriarchat durch die ihnen zugeschriebenen Rollenbilder zwangssozialisiert wurden, handeln und denken sie in diesen Rollenbildern. Wie Männer zu sein haben, wie Frauen zu sein haben, wurde uns schon als Kind eingetrichtert. Das passiert heute noch und wird eher schlimmer als besser. Die Rollenklischees bringen uns patriarchalen Menschen bei, dass Männer die Norm und das Weibliche nichts wert ist.

Aus diesen Rollenverhältnissen entstehen Konflikte, nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch und gerade zwischen Frauen, die sehr heftig ausfallen können. Sie wurzeln in den Widersprüchen und Defiziten, die wir in uns tragen, aber auch in den Verletzungen, die uns immer wieder von anderen Menschen zugefügt wurden. Diese seelischen Wunden machen sehr empfindlich, daher ist es auch sehr schwierig, sie zu heilen. Um Wunden heilen zu können, müssen sie zunächst in Augenschein genommen werden, und allein das kann schon weh tun. Daher ist Selbstreflexion auch immer ein Heilungsprozess, aber ein schmerzhafter, der zumindest anfangs oft nicht ohne therapeutische Hilfe gegangen werden kann. Mit der Zeit, je mehr Wunden geheilt und problematische Verhaltensweisen und Überzeugungen abgelegt wurden, desto leichter wird es, mit den eigenen Fehlern und denen der anderen umzugehen. Schmerzen wird es immer wieder geben. Sie werden jedoch erträglicher, je reflektierter die Frau wird. Sie kann sich selbst besser annehmen und akzeptieren und wird sich selbst und andere weniger oft abwerten. Schuldgefühle hat sie besser im Griff oder schon weitestgehend abgelegt. Dadurch ist sie auch besser gegen die Reaktionen weniger oder gar nicht reflektierter patriarchaler Frauen geschützt.

Konflikte können gelöst werden, wenn die Parteien dafür offen sind. Das setzt voraus, dass sich alle darüber bewusst sind, was zu tun ist, wenn es um die Lösung eines Konflikts geht. Zur Selbstreflexion gehört auch Kritikfähigkeit. Diese wird vernebelt, sobald in einer Kritik ein vermeintlicher Angriff enthalten ist. Selbstreflektierte Menschen wissen das und können sich der Kritik, ohne sich angegriffen zu fühlen, öffnen. Wie im obigen Beispiel zu sehen war, ist das dort gründlich schief gegangen. Hier greift wieder meine Erkenntnis über das Sender-Empfänger-Modell: Die Empfängerin muss sich um Verständnis bemühen, wenn sie eine Botschaft verstehen will. Hört sie aber immer nur das heraus, was sie hören will, wird die Sachebene verlassen, die Beziehungsebene kommt ins Spiel und die Kommunikation geht schief, weil Sender und Empfänger auf verschiedenen Frequenzen kommunizieren.

Tägliche, permanente Selbstreflexion will gelernt sein. Sie setzt die Absicht voraus, an sich selbst zu arbeiten. Arbeit ist anstrengend, sie verlangt Pausen, es scheint auch mal rückwärts zu gehen, dann denkt frau, dort schon längst gewesen zu sein, doch in Wirklichkeit ist sie nur ein Stockwerk höher gegangen und guckt von oben zurück. Stück für Stück, je mehr die Frau (den Männern bleibt es auch nicht erspart, aber sie müssen es für sich selbst tun) sich selbst und ihrem Wesen näher kommt, wird sich der schmerzhafte Nebel lichten, den das Patriarchat über unseren Geist gelegt hat. Am Ende zeigt sich Klarheit, die zu einer bewussten Haltung führt. Auch das ist nicht leicht zu realisieren, denn es wird deutlich, dass es nur wenige andere gibt, die diesen Weg bereits hinter sich haben. Aber er muss gegangen werden. Von allen. Und irgendwann werden wir alle dort sein. Dies wird der Zeitpunkt sein, an dem das Patriarchat abgeschafft sein wird.

Gibt es den matrifokalen Vater?

Matrifokalität und Vater schließen sich gegenseitig aus.

Wahrscheinkontrolle

Von den seltenen Fällen einer Kindsvertauschung in der Klinik abgesehen, ist sich eine Mutter sicher, dass ihr Kind wirklich von ihr abstammt. Ein Vater kann das nicht behaupten, denn er ist an der Schwangerschaft nicht beteiligt. Wenn eine Mutter ihr Kind stillt, wird ihr Körper mit Oxytocin geflutet und es bildet sich das heraus, was wir als Mutterinstinkt bezeichnen (Blaffer Hrdy 2010). Davon zu unterscheiden ist die Mutterliebe, die sich auch herausbildet, wenn sie nicht stillt. So oder so, schon in der Schwangerschaft knüpfen Mutter und Kind ein fast schon magisches zu bezeichnendes Band, durch das sich beide wortlos verstehen und das lebenslang hält. Ein Kind kennt seine Mutter von Beginn an und durchlebt mit ihr alle Gefühle, was in der Stillzeit noch hormonell bedingt ist und später noch lange nachwirkt, weil der wachsende Verstand diese Gefühle auch einzuordnen lernt.

In unserer Welt leben die meisten Väter mit ihren leiblichen…

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Solidarität unter Frauen im Patriarchat

Oder: Was fehlt

Inzwischen bekommen immer mehr Frauen mit, in welcher Art von Gesellschaft sie leben, nämlich im Patriarchat. Auch, wie es entstand und welche verheerenden Auswirkungen es auf Mensch, Tier und Umwelt hatte und hat, wird immer mehr Frauen (und auch Männern) bewusst. Das Patriarchat ist eine Fehlentwicklung der Menschheit seit ungefähr achttausend Jahren. Unglückliche Umstände wie Klimawandel und Hungersnöte, Naturkatastrophen mit daraus resultierenden Völkerwanderungen, aber auch große Missverständnisse haben dazu beigetragen, dass es entstehen konnte. Es funktionierte und funktioniert heute noch. All die hochgehaltenen zivilisatorischen, technischen und kulturellen Entwicklungen und Errungenschaften der heutigen Zeit entstammen dem Patriarchat. Doch auf welche und wessen Kosten? Und wie würde die Menschheit, die Natur, die Erde heute aussehen, hätte es das Patriarchat nie gegeben?

Dass es auf Kosten der Frauen, der Natur, der Umwelt und der Tiere ging, ist unübersehbar. Die eine Hälfte der Menschheit wurde Jahrtausende lang in jeder Hinsicht ignoriert, sei es in der Kultur, in der Wissenschaft, in den Künsten, in der Philosophie. Auch heute wird Frauen, die Missstände benennen und ansprechen, eher kein Gehör geschenkt. Weiblichen Opfern männlicher Fehlverhalten bis Verbrechen wird erst geglaubt, wenn es viele sind. Die Stimme einer einzigen Frau zählt nicht halb so viel wie die eines Mannes. Diese Fakten allein lassen vermuten, dass es an der Zeit ist, dass Frauen sich endlich zusammen tun, sich solidarisieren und gegen den Wahnsinn des Patriarchats gemeinsam aufbegehren.

Aber das Gegenteil ist der Fall. Es gibt unzählige Strömungen des Feminismus, von liberal über queer bis radikal, und alle bekämpfen sich gegenseitig. Erst vor kurzem hat sich die Patriarchatsforschung und -kritik formiert, noch nicht einmal als Spielart des Feminismus, denn sie ist radikaler als der Radikalfeminismus, steht ihm sogar gegenüber, denn aus Sicht der Patriarchatskritik ist der Feminismus nur eine von vielen Spielarten des Patriarchats. Das gilt insbesondere für den liberalen und den Queerfeminismus. Von den Frauen, die selbst den Feminismus ablehnen, will ich hier gar nicht reden.

Die Frauen sind sich also uneinig, sie sind inhomogen und bekämpfen sich bis aufs Blut, statt sich zusammen zu tun und gegen die Unterdrückung aufzubegehren. Während Männer- und Väterrechtler sich popkorneinwerfend ins Fäustchen lachen und damit einen weiteren Grund haben, alles, was weiblich ist, weiterhin abzuwerten („Wir haben es doch immer gesagt, so ein Zickenkrieg!“). Warum ist das so?

Die Abwertung alles Weiblichen geht nicht nur von den Männern aus, sondern in hohem Maße auch von den patriarchalen Frauen. Sie haben von Kind an nichts anderes gelernt, als dass das Weibliche weniger wert ist als das Männliche. Schon weibliche Säuglinge werden von den Müttern bereits unbewusst anders behandelt als männliche Säuglinge. Sie werden seltener und weniger lang gestillt, weniger lange getragen, länger schreien gelassen, und wenn sie keine pflegeleichten Kinder sind, werden sie erst recht ablehnender behandelt. Die Ablehnung des Weiblichen von Kindesbeinen an untergräbt das Selbstwertgefühl der Mädchen. Hinzu kommt, dass daran, dass sie angenommen werden von Eltern und Bezugspersonen, Bedingungen geknüpft sind. Sie dürfen nicht laut sein, nicht widersprechen, nicht herum toben, sich nicht schmutzig machen und haben lieb, nett und brav zu sein. Diese ganzen Verhaltensweisen werden in der Kindheit geprägt von Eltern, die ihrerseits von ihren Eltern und Großeltern und allen Vorfahren über hunderte und tausende von Jahren geprägt wurden in ihrem patriarchalen Umfeld und ihr emotionales Erbe weiter gaben an ihre Kinder. Auch wenn die heutige Gesellschaft sich dieser rigiden Verhaltens- und Rollenmuster weitgehend entledigt zu haben glaubt, steckt sie noch bis zum Hals darin, und das zieht sich durch alle Schichten.

Frauen haben also gelernt, dass das Weibliche nichts wert ist. Also sind sie selbst auch nichts wert. Das jedoch ist für sie kaum zu ertragen. Also tun sie Dinge, um sich aufzuwerten: Sie verhalten sich normkonform, sind fleißig, brav, nett, zuvorkommend, hilfsbereit, um die so versprochene Anerkennung zu erhalten. Sie übernehmen die ihnen zugetragenen Arbeiten, widersprechen nicht, ertragen Übergriffigkeiten mit einem Lächeln, ignorieren sexistische Verhaltensweisen und zeigen ihren Ärger nicht. Sie behaupten, wenn ihnen wirklich jemand unangemessen kommt, dann wehren sie sich einfach, denn sie sind doch keine Opfer. Sie stehen über den Dingen und lassen es nicht an sich heran kommen. Doch die Frauen, die sich das gefallen lassen, werden von ihnen mit Verachtung gestraft.

Dabei sind sie selbst am wenigsten in der Lage, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren, was unabdingbar nötig ist, um eine Veränderung auch im Äußeren zu bewirken. Frauen, die einmal eine oder mehrere oder viele Psychotherapien gemacht haben, wissen das. Die Veränderung kommt von innen, niemals von außen. Das tiefe Verständnis darum, keinen einzigen anderen Menschen ändern zu können, ist Voraussetzung für die eigene Veränderung. Verändert sich die Frau selbst, haben alle anderen die Chance, ebenfalls sich selbst zu reflektieren und Veränderung an sich selbst herbei zu führen. Diese Verhaltensänderung bewirkt die Veränderung auch im Äußeren, denn das Umfeld reagiert zwangsläufig auf die eigenen Veränderungen.

Leider können diese Reaktionen ziemlich heftig ausfallen. Der Frau (dies gilt natürlich auch für Männer, nicht nur für Frauen, aber bei Frauen ist dies aus verschiedenen Gründen speziell) wird durch die Veränderung der anderen ein Spiegel vorgehalten. Sie sieht, was bei der anderen neuerdings möglich ist, was bei ihr selbst noch nicht möglich ist. Das führt bei ihr zu heftigem Widerstand und Abwehrreaktionen. Diese Abwehrreaktionen treffen nun die Frau, die gerade dabei ist, ihre eigenen Überzeugungen und Verhaltensweisen zu hinterfragen und zu verändern. Sie dienen dazu, diese Veränderungen abzuwerten, damit die unreflektierte Frau sich besser fühlt und an sich selbst nichts verändern muss.

Frauen haben allerdings durch ihr eigenes Leid bessere Chancen, anzufangen, sich selbst zu reflektieren als Männer. Männer werden vom Umfeld ständig bestätigt, Frauen dagegen ständig korrigiert und abgewertet. Zwangsläufig suchen sie fortwährend die Fehler bei sich. Wenn sie aber erst verstehen, dass sie Überzeugungen und Verhaltensweisen trainiert haben, die ihr vom Umfeld eingeimpft wurden, erkennen sie, dass sie diese ablegen können. Dann beginnt die Veränderung bei ihnen selbst.

Wir patriarchalen Frauen legen zwangsläufig patriarchales Verhalten an den Tag, das es zu reflektieren und zu hinterfragen gilt. Wir müssen unser eigenes Fettnäpfchen „patriarchales Verhalten“ endlich abarbeiten. Für die eigenen Fettnäpfchen ist jede selbst verantwortlich, und hier handelt es sich um ein kollektives. Die Männer schleppen ein solches auch mit sich herum, das sie wiederum selbst angehen müssen. Solange dies nicht geschieht, prallen alle Bemühungen um Aufklärung rund um die Fakten und Auswirkungen des Patriarchats immer wieder an der Mauer der Verständnislosigkeit der unreflektierten Mitmenschen ab. Zum Bewusstsein gehört auch die Kenntnis der Psychologie der patriarchalen Menschen. Ohne sie wird es unmöglich sein, es letztlich abzuschaffen.

 

Gedanken zum Buch „Allein, alleiner, alleinerziehend“

Da ich selbst vor fast acht Jahren alleinerziehend wurde, habe ich mir kürzlich das Buch von Christine Finke zugelegt, um die Sicht einer anderen betroffenen Mutter kennen zu lernen. Die Jahre, in denen ich mit meinen beiden Söhnen allein lebte, nutzte ich u. a. dazu, mir Gedanken zu dieser Gesellschaft zu machen und auch Literatur zu dem Thema zu lesen. Das Ergebnis ist, dass ich zur Patriarchatskritik stieß und inzwischen davon überzeugt bin, dass das Patriarchat die Ursache aller Probleme, die die Menschheit heute mit sich und der Umwelt hat, ist. Insbesondere die Mütter leiden darunter, und dafür bin nicht nur ich selbst, sondern auch Christine Finke ein Beispiel unter vielen.

Dass sämtliche Hintergründe rund um das Patriarchat ein dermaßen riesiges Fass sind, dass die Ausmaße kaum zu ermessen sind, wurde mir im Laufe der letzten Jahre immer klarer und bewusster. Ich weiß noch, wie ich die Bände von Gerhard Bott, die Bücher und den Blog von Kirsten Armbruster und später die Bücher von Gabriele Uhlmann und die Artikel von Stephanie Gogolin las und ich immer deutlicher sah, was für ein Abgrund sich da auftat. In mir machte sich eine grenzenlose Erschütterung und Verzweiflung breit, denn ich begriff, dass wir Mütter und Frauen gar keine Chance haben, aus dieser Gesellschaft heraus zu kommen, wenn sie sich nicht grundlegend ändert. Wir sind ausnahmslos alle bis in die Knochen mit dem Patriarchat verfilzt und verwoben, über Epigenetik und kulturelle Ideologien, wie in einem unsichtbaren Spinnennetz, das wir nicht bemerken, oder vielleicht noch treffender beschrieben, wie in einer Matrix gefangen, die uns eine heile Welt vorgaukelt. Jeder Frau, die ich kenne und dieselben Erkenntnisse hatte wie ich und begriffen hat, ging es dabei ähnlich. Ja, wir haben die rote Pille geschluckt! Und das Aufwachen danach war alles andere als schön.

Von dem Buch von Christine Finke habe ich keine neuen Erkenntnisse erwartet, denn das, was ich bisher von ihr las auf Twitter oder auf ihrem Blog, war für mich längst überholt, bekannt und nichts neues. Ich merkte, dass sie das Ausmaß des Patriarchats, dessen Entstehung und Auswirkung und auch den Zusammenhang mit der frühzeitlichen Menschheitsgeschichte (noch!) nicht erfasst hatte. Dennoch weiß ich, dass sie eine intelligente Frau und gute Schreiberin ist und habe es auch nicht zuletzt deshalb gekauft, um ein Zeichen der Solidarität mit allen alleinerziehenden Müttern zu setzen (das Thema Solidarität unter Frauen und Müttern greife ich ein anderes Mal auf, denn das Fehlen dieser ist ein untrügliches Zeichen des Patriarchats). Ob es gesehen wird, bleibt dahin gestellt, denn ich weiß, dass ich wegen meiner Ansichten bei vielen gerade unter den jüngeren bloggenden Müttern nicht beliebt bin.

Das Buch von Christine Finke ist ein Erfahrungsbericht, und zwar ein erschütternder. Ich kann förmlich die Erschöpfung, die Wut, die Trauer, die Verzweiflung und die Existenzangst spüren, die aus ihren Zeilen spricht. Verglichen mit meiner Situation ist und war ihre deutlich prekärer: Sie hat drei Kinder, ich nur zwei. Ihre waren bei der Trennung deutlich jünger, das jüngste sogar noch ein Baby. Meine beiden Söhne waren 13 und 15, als ich mich von meinem Mann trennte und mit ihnen in eine kleinere Wohnung zog. Mein Ex zahlte von Anfang an Unterhalt bis heute, so dass ich nie finanziell wirklich Not litt. Auch war das Umgangsmodell bei mir der Klassiker „Wochenendpapa“ und lief einigermaßen reibungslos ab. Doch ein Spaziergang war es auch für mich nicht. Ich versuchte es mit Selbstständigkeit, scheiterte aber daran. Dann hangelte ich mich von Arbeitslosigkeit über Krankheit zu Arbeitslosigkeit in drei prekäre Beschäftigungsverhältnisse, von denen das letzte am vielversprechendsten war und urplötzlich noch in der Probezeit endete. Und nebenher all die zusätzlichen Belastungen mit Schule, Haushalt etc, die Christine Finke hinreichend in ihrem Buch beschreibt. Nun bin ich wieder arbeitslos, habe aber auch schon wieder etwas in Aussicht, ganz knapp vor Harz IV. Mit 55 Jahren halte ich das allmählich für eine Zumutung, denn ich wünsche mir nichts sehnlicher als endlich meine Ruhe, um dem nachgehen zu können, wofür ich leben will und was mich interessiert.

Anders als Christine Finke bin ich aber der Meinung, dass politisch gesehen keine Lösung für uns Mütter in Sicht ist, so lange sich die Menschen in dieser patriarchalen, hochzivilisierten, fortschrittlichen Gesellschaft nicht des Ursprungs der Natur der Spezies Mensch bewusst sind. Und das können sie auch gar nicht, weil ihnen erstens die Erfahrung und zweitens das Wissen fehlt. Statt dessen wird ihnen mit Gender-Study-Ideologien das Gehirn vernebelt. Dabei ist das Wissen um die matrifokale Soziologie längst da. Es wird nur nicht gelehrt, weder an den Schulen noch an den Universitäten, sondern ignoriert bis unterdrückt, denn es birgt einfach zu viel Sprengstoff für diese Gesellschaft. Die Tatsache, dass die Institution Ehe und die Paarfamilie mit Kind der Kern des Patriarchats ist, haben nur wenige erkannt und wird deshalb nicht (von der Politik schon gar nicht) in Frage gestellt. Das BMFSFJ hält die Fahne der Ehe und Familie hoch. Auch Christine Finke tut das, obwohl sie von dem goldenen Ehe-Käfig mit nachfolgendem Alleinerziehenden-Knast mit Freigang zu Kita-Zeiten schreibt. Nach wie vor schreibt sie von Kinderarmut und übersieht dabei, dass es sich vornehmlich um Mütterarmut handelt. Dabei ist sie selbst das beste lebende Beispiel dafür.

An einer Stelle beschreibt sie den Schmutz in ihrer Wohnung. Danach überkam sie ein Putzanfall. Sie schreibt dazu: „Wer den Schmutz sieht und benennt, kann ihn nicht mehr übersehen.“

Genau das ist der Punkt.

Verantwortlichkeit im Patriarchat

Psychotherapeuten sehen es als ihre Passion an, an der Seele erkrankte Menschen dahin zu bringen, dass sie in dieser Gesellschaft wieder funktionieren, und nicht, dass es ihnen besser geht. Das heißt, vordergründig schon, denn anders ausgedrückt: Dass es ihnen gut geht damit, mit den Missständen, mit denen sie täglich konfrontiert sind, klar zu kommen, sich zu arrangieren, es zu ertragen, dass ihnen ab und zu Unrecht geschieht. Die Psychotherapeuten helfen ihnen dabei, sich ein dickes Fell wachsen zu lassen, die Dinge nicht (zu sehr) an sich heran kommen zu lassen. Gelassen mit den Umständen umzugehen, versöhnlich mit den Ungerechtigkeiten der Vergangenheit abzuschließen, nach vorne zu gucken, in die Zukunft zu sehen, das Hier und Jetzt einfach akzeptieren, wie es ist. Sie transportieren Botschaften wie: „Wie du mit den Äußerlichkeiten umgehst, entscheidest du ganz allein. Es ist nicht die Frage, was dir geschieht, sondern wie du damit umgehst. Du kannst auf tausende verschiedene Arten damit umgehen, probiere es doch mal aus, anders zu reagieren als sonst. Mit Humor z. B. als mit Ärger. Du wirst sehen, die Umwelt wird deine Reaktionen spiegeln.“

Das alles ist zunächst richtig. Es hilft tatsächlich, gelassener mit den Umständen umzugehen, wenn sie einfach akzeptiert werden. Wenn sie als unveränderbare Größen angenommen und hingenommen werden, brauche ich keine Kraft mehr dafür aufzuwenden, sie ändern zu wollen. Der Kampf gegen Windmühlen ist ohnehin verloren.  Ich kann mich also ganz auf mich und meine eigenen Änderungen konzentrieren, meinen Weg finden, ihn konsequent gehen. Nicht nach links oder rechts sehen, den Blick klar nach vorn richten, zuversichtlich und mit geradem Rücken mich dem stellen, was auf mich zu kommt, ganz egal, was es ist, denn wir wissen schließlich alle nicht, was uns blüht.

Doch so einfach funktioniert es bei Frauen wie mir, die das Patriarchat begriffen haben, nicht mehr, wie ich am Ende des letzten Jahres sehr schmerzhaft feststellen musste. Ich habe mich in diesem Jahr fortgebildet, eine Prüfung mit Erfolg absolviert, beinhart verhandelt mit drei verschiedenen Arbeitgebern um vernünftige Bedingungen und einigermaßen angemessenes Gehalt, mich dafür jeden Morgen um vier aus dem Bett erhoben, aufgrund von Probezeiten auf Urlaub verzichtet (und trotzdem welchen durchgesetzt am Ende), mich mit dümmsten Kollegen und schwierigsten Kunden abgegeben, mich mit unwürdigen Arbeitsplatzbedingungen arrangiert, (fast) immer mit einem Lächeln auf den Lippen und der Zuversicht, dass sich alles zum Besten wendet. Darüber hinaus habe ich mich für Verbesserungen engagiert, ohne zu ahnen, dass das gar nicht erwünscht war. Mit dem Ergebnis, dass ich alles wieder verlor, mir wurde noch in der Probezeit gekündigt. Weil ich nicht in das dortige Team passte, nein, ich gehe noch weiter, weil ich nicht mehr in die Arbeitswelt passe. Weil ich das System, das Patriarchat, das dahinter steckt, durchschaut habe. Für mich als 55jähre Frau und immer noch alleinerziehende Mutter eine Katastrophe. Dies ist die Konsequenz für mein aufrichtiges, ehrliches und unbeugsames Handeln und Denken und für mein in den letzten Jahren angeeignetes Wissen und meine Erkenntnisse, die mich nun die Existenz kosten kann. Ich spüre meine Ohnmacht und Verzweiflung, nicht aus diesem Käfig ausbrechen zu können.

Andere Frauen, die noch im Arbeitsverhältnis stehen, sagen mir tatsächlich ins Gesicht (ohne es böse zu meinen), dass es Schlimmeres gibt als den Arbeitsplatz zu verlieren. In diesem Land verhungert man nicht. Es gibt Länder, da verhungert man ohne Arbeit tatsächlich, aber hier doch nicht, es ist ja alles abgesichert, ich kann froh sein, in so einem reichen Land wie Deutschland zu leben. Schlimmstenfalls müsste ich eben von Hartz IV leben. Als ich diese Aussicht fröhlich lachend mit triefendem Galgenhumor in die KollegInnenrunde (Kollegen, nur eine Kollegin) posaunte, war aber niemand darunter, der mir dazu gratulierte. Nein, betretenes Schweigen. Kein Wunder, niemand will in Hartz IV landen, und die, die es trifft, werden behandelt, als sei dies ihr persönliches Versagen und ihre eigene Schuld. Denn jeder ist schließlich für sich selbst verantwortlich, doch nicht die Umstände oder irgend ein Arbeitgeber. Passt man nicht ins Team, hat man eben selbst alles dafür getan, dass es so gekommen ist.

„Wir suchen uns das alles selbst aus!“, ruft mir das Patriarchat entgegen. Nein, es ist nicht „das Patriarchat“, das mir so etwas sagt. Es sind Mitmenschen, die diese Überzeugungen woanders gelernt haben, und ich weiß auch sehr genau wo. Ich war selbst mal dieser Überzeugung, als ich sie in einer Psychotherapie lernte. Sie stimmt auch, solange diese „Entscheidungen“ völlig unreflektiert und unbewusst innerhalb der angelernten rigiden Verhaltensmuster geschehen, in die jedes Individuum im Patriarchat mehr oder weniger verstrickt ist. Mit schlafwandlerischer Sicherheit z. B. sucht sich ein Mensch genau den Partner aus, der dem problematischsten Familienmitglied am ähnlichsten ist. Die Tochter sucht den gefühlskalten Vater. Der jüngere Bruder die ältere dominante Schwester, unter der er litt. Der Sohn die übergriffige Mutter usw., und das nur, weil dies in der Kindheit gelernt wurde, man kennt nichts anderes und das bedeutet (trügerische) Sicherheit. Doch durch das Verinnerlichen dieser Aussage und der Arbeit damit war ich gezwungen, meine eigenen Ansichten in Frage zu stellen und zu überprüfen, letztlich zu revidieren, was sehr heilsam war. So lernte ich Selbstreflexion, Verantwortung für mich zu übernehmen, was ich (und so viele Menschen im Patriarchat) vorher gar nicht konnte.

Dieses Übernehmen der eigenen Verantwortlichkeit hat aber genau da Grenzen, wo Verantwortung aufoktroyiert wird, wo keine ist. Man nennt das Victimblaming. Ein Mensch ist verantwortlich für das Unrecht, das er einer anderen Person angetan hat, und dreht einfach den Spieß um, um die Tat dem Opfer anzuhängen. Die Umwelt fällt auch noch darauf herein, und das Opfer ist doppelt geschädigt. Jeder Mensch, Mann wie Frau, ist im Patriarchat an Patriarchose (Stockholmsyndrom) erkrankt, und ein Symptom dieser ist das Verantwortlichmachen des Individuums für alles, was ihm geschieht. So muss an den Missständen nichts geändert werden, und die Menschen, die das nicht durchschaut haben, spielen da munter mit. Ich erwähnte diese notorische Täter-Opfer-Umkehr bereits in meinem Artikel über Bewusstsein und Wahrheit. „Sieh zu, wie du klar kommst!“ ist mir in meinem Leben öfter als genug kaltschnäuzig vor die Füße geschleudert worden, selbst dort, wo ich Schutz suchte. Patriarchale Verhaltensweisen sind das Gegenteil von artgerechtem Verhalten, wie es noch in der Matrifokalität unserer Ahninnen gelebt werden konnte. Aber wir haben es verlernt, wir patriarchalen Menschen können es gar nicht mehr, weil niemand im Patriarchat Matrifokalität erlebt hat.

Es sei denn, wir lernen aus der Menschheitsgeschichte, und zwar die Fakten und nicht das, was durch die herrschende Lehre propagiert wird, und besinnen uns auf unsere natürlichen Fähigkeiten des Zusammenlebens. Lernen können wir außerdem von den wenigen matrifokalen Gemeinschaften, die es heute noch gibt, z. B. den Mosuo in China und noch einigen anderen (Liste liefere ich nach).