Bewusstsein und Wachheit

Jemand bescheinigte mir letztens, dass zwischen mir und ihm die Augenhöhe nicht gewährleistet sei, weil ich ihm auf bestimmten Themengebieten einen anderen Status als meinen eigenen zugeschrieben habe, in diesem Fall schlafend, während ich mich selbst dort als wach erlebe.

Ja, es stimmt. Die Augenhöhe ist in dem Fall nicht gegeben. Ich habe gelernt, dass es manchmal so ist, dass Augenhöhe dort nicht möglich ist, wo der Bewusstseinsstand zweier Menschen auf bestimmten Gebieten unterschiedlich ist. Das ist aber gar keine Wertung. Schlafend bedeutet ja nichts schlechtes, es bedeutet nur, bestimmte Dinge noch gar nicht sehen zu können, weil man eben schläft. Schlafen ist auch notwendig. Ohne den Schlaf kann sich ein Mensch nicht erholen, kann nicht träumen, kann keine Kraft schöpfen für die Zeit, in der er aufgewacht ist.

Eine Metapher: Ein Apfel ist auch nicht sofort nach der Bestäubung reif, er muss erst wachsen und Farbe bekommen und Fruchtfleisch ansetzen und Süße entwickeln. Wenn er dann reif ist, fällt er ganz von allein vom Baum. Vielleicht auch, wenn jemand den Baum schüttelt, aber nur, wenn der Apfel reif genug ist.

Jemand, der noch schläft, wird ganz von allein aufwachen. Vielleicht auch, wenn ihn jemand wachrüttelt, aber nur, wenn er wirklich ausgeschlafen ist. Sobald er aufgewacht ist auf einem bestimmten Gebiet, wird ihm dies sofort bewusst. Ein Schlafender ist sich seines Zustandes nicht bewusst. Diesen Moment des Aufwachens kennt jeder, der mal ein so genanntes Aha-Erlebnis hatte, dem vom einem auf den anderen Augenblick plötzlich eine Sache klar wurde. Das ist völlig unspektakulär, aber genau so funktioniert es mit dem Wach- und Bewusstwerden.

Nun hat sich aber eine Sache geändert: Schlafende, unbewusste Menschen können wache nicht erkennen. Aber umgekehrt ist das sehr wohl der Fall. Jemand, dem eine Sache bewusst geworden ist, nimmt unweigerlich einen neuen Standpunkt ein, eine neue Sicht der Dinge. Er hat mehr Weitsicht gewonnen und kann nun Dinge sehen, die er vorher nicht sah und die andere immer noch nicht sehen können bis zu dem Zeitpunkt, an dem auch sie aufwachen.

Leider ist es oft so, dass die Menschen, denen etwas bewusst geworden ist, von jenen, die noch unbewusst sind, dafür diffamiert werden. Bewusste Menschen können die unbewussten durchschauen. Das spüren sie und es ist ihnen unangenehm, weil ihnen dadurch Spiegel vorgehalten werden. Sie können und wollen aber (noch) nicht ihr eigenes Spiegelbild ansehen. Sie wissen auch nicht, dass bewusste Menschen ihnen nur ihr eigenes Verhalten oder ihren Zustand spiegeln, sie wissen nicht, dass sie nur ihr eigenes Spiegelbild betrachten. Oft ist dieser Anblick für sie schwer zu ertragen, denn es ist der Teil von sich, den sie an sich selbst verachten und verurteilen. Deshalb weisen sie es weit von sich und projizieren diesen Anteil, dieses Defizit, auf die Spiegel um sich herum. Es ist also für bewusste Menschen oft sehr unschön, unbewussten Menschen ihre eigene Unbewusstheit, ihr eigenes Schlafen, zu spiegeln, weil sie sehr oft heftigen Abwehrreaktionen ausgesetzt werden. Nur selten reagieren Menschen mit Innehalten, Einkehr und Einsicht und werden so selbst zu bewussten Menschen.

Ein konkretes Beispiel dazu: Jahrelang war ich Mitglied einer therapeutisch geleiteten Frauengruppe. Durch diese wurde ich immer bewusster, erkannte ich immer mehr mich selbst, konnte meine angelernten Überzeugungen erkennen, hinterfragen und schließlich ablegen. Ich konnte Dinge aktivieren und reaktivieren, die ich mir niemals hätte träumen lassen.

Den anderen Frauen ging es sicher in ihren Bereichen auch so. Nun kam aber die Zeit, in der ich spürte, dass ich die Gruppe nicht mehr brauchte. Ich merkte, nun habe ich Laufen gelernt und ich kann jetzt allein gehen. Als ich so darüber nachdachte, tauchte vor meinem inneren Auge ein Bild, eine Art Vision auf. Ich sah mich und die anderen Frauen in der Runde auf einer grünen Wiese, doch jede von uns saß in einem Käfig. Bei der einen war die Tür einen Spalt offen, bei der anderen war sie noch fest zu, wieder eine andere rüttelte an der Tür, und bei einer war die Tür weit offen, aber sie saß noch drin. Nur ich war schon aus dem Käfig herausgekommen und stand neben ihm. Ich sah noch einmal in die Runde und wendete mich dann ab, dem weiten Horizont entgegen.

Dieses Bild war nichts anderes als eine Metapher für den Ist-Zustand der Gruppe, bzw. meinen eigenen Zustand innerhalb der Gruppe. Ich beschrieb das Bild an einem Gruppenabend zusammen mit meiner Erklärung, nun aufhören zu wollen.

Die Reaktionen waren heftig, sehr heftig zum Teil, und ich hatte nicht mit ihnen gerechnet. Der Hauptvorwurf, den ich mir anhören musste, war der, wie ich so vermessen sein könne, sie in Käfige zu stecken. Eine bescheinigte mir, wie arrogant und überheblich ich doch sei und wie anmaßend, die ich doch selber im Käfig säße, so etwas zu behaupten. Für mich war das der letzte Abend in dieser Gruppe gewesen, ich ging nie wieder hin.

Später fragte ich mich, ob es richtig war, meine Vision zu erzählen oder ob ich sie lieber für mich behalten hätte. Es hätte für mich sicher ein angenehmeres Ende bedeutet. Doch heute denke ich, es war gut, dass ich sie erzählte, denn jede hatte nun die Chance, sich mit diesem Bild auseinander zu setzen. Hätte ich es nicht geschildert, hätten die anderen Frauen von ihrem Zustand weniger gewusst. Denn Fakt war: Nicht ich hatte die Frauen in die Käfige gesteckt, sie saßen schon drin! Ich beschrieb einfach nur, was ich sah. Dafür, dass die anderen in ihren Käfigen saßen, waren sie selbst verantwortlich.

Ich selbst weiß heute, dass ich, wenn das Leben mir übel mitspielt, gern wieder freiwillig in meinen Käfig setze, um mich zu schützen. Doch wenn die Großwetterlage sich gebessert hat, komme ich auch wieder hervor gekrochen ;-).

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