Zweck und Wirkung des Patriarchats

Oder: Warum bisher die besten Absichten, es abzuschaffen, scheiterten


„Patriarchat“ bedeutet „Väterherrschaft“, was jedoch weit darüber hinausgeht. Jeder Mensch in dieser Gesellschaft hat das Wort schon einmal gehört und kennt vermutlich auch dessen Bedeutung, nämlich ein männlich geprägtes soziales System. Jedoch nehmen die meisten es hin, dass sie in einem Patriarchat leben, denn sie sind es gewohnt, kennen es nicht anders und hinterfragen auch nicht, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Sie erkennen nicht die massiven Auswirkungen, die es auf die in ihm lebenden Menschen hat. Der Grund liegt darin, dass das Patriarchat selbst, also die in ihm sozialisierten Menschen, dafür sorgt, es als die Norm, etwas ganz natürliches und vor allem gutes anzusehen. Und das geht sogar soweit, dass es inzwischen, vor allem von Maskulisten und Männerrechtlern, völlig geleugnet und als Hirngespinst von FemininistInnen angesehen wird.

Wir werden sehen, dass es in Wirklichkeit die Ursache allen Übels und aller Probleme, die die Menschen heutzutage mit sich und ihrer Umwelt haben, ist.

 Zur Entstehung des Patriarchats

Die Entstehung des Patriarchats wird von der heutigen Wissenschaft und herrschenden Lehre weitgehend verschleiert. Es wird suggeriert, dass der Mensch von Natur aus gewaltbereit sei, dass es schon immer die Dominanz des Mannes gab und somit in der Religion den Urvater. Wer sich intensiver mit der Menschheitsgeschichte beschäftigt, wird immer wieder auf die Verbreitung des ideologischen Bildes des keulenschwingenden Steinzeitmannes stoßen, der die erbeutete Frau an den Haaren ziehend in die Höhle schleppt. Mit anderen Worten: Es habe schon immer ein Patriarchat im Sinne von Männervormacht gegeben, das sei etwas ganz natürliches und in der Natur des Menschen verwurzelt. Erst in der heutigen Zivilisation käme es allmählich zu einer Umwandlung, was mit der Emanzipation des modernen Menschen von archaischen Glaubenssätzen begründet sei. Man lebe ja nicht mehr in der Steinzeit und setze sich selbstverständlich dafür ein, die Gleichstellung aller Menschen anzustreben und Frauen ebenfalls beruflich das machen zu lassen, was Männer tun. Selbstverständlich ist die Frau heutzutage voll emanzipiert und hätte in allen Bereichen des Lebens, wenn auch noch nicht ganz, so doch tendenziös dieselben Chancen wie der Mann, der sich umgekehrt auch zunehmend der Fürsorge und Aufzucht seiner Kinder widmet. Das jedenfalls wird uns von Politik und Medien stets suggeriert. Dass die Wirklichkeit anders aussieht, fällt indes immer mehr Menschen auf.

Die Archäologie, Sozialwissenschaft, Kulturwissenschaft, Prähistorische Wissenschaft und Soziopsychologie, die den Blick auf die frühmenschlichen und jungsteinzeitlichen Geschehnisse ohne die Patriarchatsbrille richtet, kommt zu ganz anderen Ergebnissen: Gewalt, Krieg, Kolonialismus, Zerstörung, Macht, Hierarchie, Privateigentum, Kapitalismus und Patriarchat haben ihren Anfang in der Jungsteinzeit, als der Mensch anfing, Tiere zu domestizieren. Davor, und dafür sprechen alle wissenschaftlichen Belege, gab es die längste Zeit eine egalitäre Gesellschaft, die matrifokal lebte. Matrifokalität bedeutet „Mütter im Zentrum“ und spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit wider: Alles Leben kam von der Frau, der Mutter, Vaterschaft war unbekannt und somit irrelevant (auch ein Umstand, der von bestimmten Leuten vehement geleugnet und abgestritten wird). Die erste Religion, die entstand, war die der Urmutter, was die zahlreichen gefundenen Göttinnenfigurinen belegen. Als die Menschen mit der Domestikation von Tieren die Bedeutung der Sexualität für den Fortpflanzungsprozess erkannten, wurden sie sich auch des Anteils des Mannes daran bewusst. Die herrschende Lehrmeinung behauptet indes steif und fest, dass der Mensch dies schon immer wusste, ohne jedoch die Frage beantworten zu können: „Woher denn?“ Es gibt nicht einen archäologischen Beweis, der diese Annahme untermauert. Im Laufe von Jahrtausenden wurde der männliche Anteil, der Samen (der in Wirklichkeit eher ein Pollen ist, während der Samen von der Eizelle verkörpert wird, weil sie alle Anlagen und Nährstoffe enthält, die nötig sind, um neues Leben hervorzubringen) und der Phallus, immer mehr aufgewertet, bis er, gespiegelt in den heutigen monotheistischen Religionen, völlig überhöht, entmaterialisiert, vermännlicht und vergeistigt wurde. Überhaupt spiegelten die Religionen immer die Herrschaftsverhältnisse der Gesellschaft wider (und nicht umgekehrt, wie es oft mit der Absicht, das Patriarchat zu legalisieren, behauptet wird, man denke nur an das Gottesgnadentum), in der die Frauen, auf den Himmel projiziert die Göttinnen, mehr und mehr abgewertet wurden, bis am Ende keine mehr da war, sondern nur noch eine dem Herrn dienende devote Magd. Religionen und Theologien sind politische von der Herrschaft installierte Mythen, die den Zweck haben und dafür sorgen, dass die Menschen dort bleiben, wo sie sind, nämlich in ihren misslichen Lebensumständen, um nicht auf die Idee zu kommen, die Herrschaft ihrer Obrigkeit anzuzweifeln oder gar gegen sie aufzubegehren.

Was es heute ist

Heutzutage ist das Patriarchat die „herrschende“ und normative Gesellschaftsform, wie die Bezeichnung „herrschend“ schon sagt. Dennoch haben sich bis heute einige matrifokale Kulturen erhalten, wie z. B. die der Mosuo in China. Doch besonders die „hochzivilisierte“ westliche Welt ist schwer von dieser Krankheit befallen, die von einigen treffend als Patriarchose bezeichnet wird. Sie ist eine Gehirnwäsche, die die Menschen in einem kollektiven Stockholm-Syndrom gefangen hält. Weil die Menschheit sich seit Jahrtausenden in der Praxis des Patriarchats übt, ist es als das, was es wirklich ist, für heutige Menschen in seiner ganzen Tiefe und seinem Ausmaß nicht erkennbar. Allenfalls nehmen sie noch die Spitze des Eisbergs, unübersehbar in der Kapitalisierung, der neoliberalen Wirtschaftsordnung oder als Gender Pay Gap wahr, oder vielleicht in der unübersehbaren Frauenunterdrückung in Indien oder in islamischen Staaten. Die Probleme in den westlichen Ländern, die sich in subtilem Alltagssexismus, Prostitutionsliberalisierung oder Familienbenachteiligung auf dem Arbeitsmarkt zeigen, werden gern als First World Problems verharmlost.


Auswirkungen

Frauenunterdrückung

Das Patriarchat schadet Männern wie Frauen. Warum auch den Männern, die es ja am Anfang der neolithischen Kulturrevolution installiert haben? Da Frauen in der Paarungsfamilie, heute als Ehe institutionalisiert, in ihrer freien Sexualität stark eingeschränkt wurden, konnten auch Männer die ihre nicht mehr naturgemäß ausleben. Weil der Mann annimmt, Frauen hätten ihm zu Willen zu sein, was z. B. Ausdruck in der Prostitution findet, die nicht das älteste Gewerbe der Welt, sondern das Gewerbe des Patriarchats darstellt, kann er seinerseits nicht mehr der sich hingebende Geliebte einer Frau sein. Statt dessen nimmt er sich habgierig und mit Gewalt (und/oder mit Geld) das, was er ohne Gewalt auch freiwillig und auf Augenhöhe bekäme, würde er die Frauen nicht als Objekte betrachten, sondern als ebenbürtige Menschen in all ihrer Würde. Weil er das aber gar nicht mehr kann durch die gesellschaftlich installierte Anspruchshaltung auf Gewährung des Beischlafs in der Ehe, leidet er unwissentlich trotz seiner Privilegien. Die Ehe zwingt die Frau, ihm, und nur ihm willig zu Diensten zu sein. Dies kann nicht funktionieren, weil alles unter Zwang, und nichts anderes ist die Institution Ehe, nur unter Widerwillen geschieht. Es ist erst 49 Jahre her, dass der Bundesgerichtshofs in einem Urteil von 1966 diese Unterwerfung der Ehefrau staatsgewaltlich einfordert:

Urteil 1966

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde tatsächlich von der Ehefrau Opferbereitschaft verlangt, dem Mann nicht nur ständig zur Verfügung zu stehen, sondern dies auch noch lustvoll zu tun. Die Vergewaltigung in der Ehe wurde erst 1997 strafbar. Das ist so lange her wie mein jüngerer Sohn alt ist!

Durch seine eigene Überhöhung und Abwertung der Frau entwürdigt der patriarchale Mann sich selbst. Doch um gleich dem Pauschalisierungsvorwurf vorzubeugen: Selbstverständlich gibt es Männer, die nicht in den Puff gehen, die Frauen nicht als Objekt sehen oder sich nicht mit Gewalt holen, was ihnen ihrer Meinung nach zustünde. Ich schreibe hier von den schädlichen Auswirkungen des Patriarchats, das trotz seiner umfassenden Durchdringung der menschlichen Gesellschaft diese dennoch nicht vollständig unterjocht hat („Joch“ nennt man das Geschirr, mit dem Zugtiere, vornehmlich Ochsen, vor Wagen eingespannt wurden), denn es gibt auch heute noch matrifokal lebende Naturvölker, die allerdings durchweg patriarchal mehr oder weniger kontaminiert sind.

Sprache

Wer sich die deutsche Sprache genauer ansieht, stellt zudem fest, wie vermännlicht sie ist. Nicht umsonst fordern FeministInnen eine gegenderte Schreibweise, um beide Geschlechter einzubeziehen. Das generische Maskulinum schließt notorisch die Frauen aus. Das männliche ist die Norm, das weibliche die Ausnahme. Befindet sich in einer Gruppe von z. B. Sängerinnen nur ein einziger Mann, sind damit automatisch alle Individuen Sänger.  Aber auch Worte wie Herrschaft lassen keinen Zweifel darüber, wer in dieser Gesellschaft das Sagen hat. Daran ändert auch die Herrin nichts.

Psychologie

Eine patriarchale Gesellschaft lässt sich am Umgang der Menschen untereinander erkennen. Statt Empathie, Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und Offenheit, Gastfreundschaft, Mitgefühl und liebevollem Umgang untereinander sind Machtstreben, Eigennutz, Egoismus, Kaltherzigkeit, Bedürftigkeit, Isolation, Gewalt, Leid, Verantwortungslosigkeit sich selbst und anderen gegenüber, gepaart mit verletzten Selbstwertgefühlen und Minderwertigkeitskomplexen sichtbar. Patriarchale Denkmuster und ideologisch verblendete Menschen sind erkennbar an diesen Verhaltensmustern: Verleugnung, schwammige Formulierungen, Spieß umdrehen bei Kritik, Diskriminierungsvorwürfen, Sich-lustig-machen, Benutzen von Totschlag-Argumenten, Abwertungen und Diffamierungen. Besonders Männer, die mit ihren dem Patriarchat zu verdankenden unverdienten Privilegien konfrontiert werden, neigen dazu, (nicht nur) verbal um sich zu schlagen. Hier ein schönes Beispiel aus einer G+Diskussion, in der ich einigen Herren mal wieder zu sehr auf die Füße getreten bin mit meinen Ansichten:

Dieser Herr hätte es doch bitte gern, dass alles so bleibt wie es ist und die Frauen einfach mal die Klappe halten.

Dieser Herr hätte es doch bitte gern, dass alles so bleibt wie es ist, um weiterhin Spaß zu haben, und dass nervige Frauen wie ich einfach mal die Klappe halten. Übrigens ist meine Zimmerdecke aus Rigips, ich brauche keine HILTI.

Umwelt und Natur

Die fortschreitende Zerstörung der Erde ist die sichtbarste Auswirkung des Patriarchats, auch wenn sie zunächst gar nicht unmittelbar mit ihm in Verbindung gebracht wird. Umweltzerstörung ist die Folge von Überbevölkerung in Verbindung mit Wirtschaftswachstum und Kapitalismus. Dass die Erde dermaßen von der Spezies Mensch übervölkert ist, liegt im patriarchalen Glauben, dass viele Nachkommen zu haben ein Reichtum sei, begründet auf dem Bestreben, das Privateigentum zu vererben, vornehmlich an die Söhne. Die Isolation der Frauen hatte zudem zur Folge, dass sie über ihre Sexualität nicht mehr bestimmen konnten und somit weit mehr Schwangerschaften ertragen mussten, als es ihnen natürlicherweise zugemutet wurde. Die patriarchale und hierarchische Kultur ist die Feindin der (egalitären) Natur.

Feminismus

Der Widerstand gegen die unsägliche Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen seit Anbeginn des Patriarchats formiert sich seit rund hundert Jahren und findet im Feminismus Ausdruck. Ohne näher auf die Geschichte des Feminismus einzugehen, hier ein paar Strömungen, die sich heutzutage besonders in den intellektuellen westlichen privilegierten weißen Oberschichten (!) manifestieren:

Liberaler Feminismus: Die AnhängerInnen engagieren sich gegen Alltagssexismus, richten aber ihre Ziele danach aus, wie Frauen am geschicktesten in der neoliberalen Gesellschaft überleben können. Sie fordern dieselben Rechte ein, die Männer haben, und finden, dass es lohnend sei, in einer Welt aus Finanzmärkten, Kapitalismus und Arbeitsmarkt ein gutes Leben zu führen. Deshalb finden sie Prostitution empowernd, weil sie denken, sie sei für Frauen eine prima Chance, ihre Sexualität auszuleben und dafür auch noch Geld zu nehmen, erkennen aber den Sexismus und vor allem die Menschenfeindlichkeit und Würdelosigkeit darin nicht. Außerdem stehen sie auf dem Standpunkt, dass Väter auch Rechte hätten, ohne zu erkennen, dass diese sich bereits seit vielen tausenden Jahren Rechte herausnehmen, die ihnen natürlicherweise gar nicht zustehen (nur kultürlich, die also erst im Nachhinein geschaffen wurden). Sie wollen das Patriarchat abschaffen, ohne dessen Tragweite zu sehen und ohne zu erkennen, dass sie mit ihrer Einstellung dieses umso mehr untermauern und stärken.

Queerfeminismus: AnhängerInnen sind der Ansicht, Geschlecht sei nicht angeboren, sondern sozial konstruiert:

Mit Geschlecht meine ich Sex und nicht Gender, weil Gender ein patriarchalisches Konstrukt ist. Jeder Mensch könne selbst entscheiden, welches Geschlecht er/sie hat. Die Begriffe Mann und Frau vermeiden sie, da sie diese für polarisierend und stereotyp halten und alle Geschlechtsformen, die dazwischen existieren, angeblich ausklammern. Es wird nicht mehr von „Frauen“ gesprochen, sondern von „Menschen mit Uterus“ oder „schwangerwerdenkönnenden Menschen“. Mutterschaft ist problematisch, da diese nach ihrer Ansicht nur eine „Rolle“ darstellt. Damit agieren sie ganz im Sinne des Patriarchats: Mütter sollen keine alleinige Macht mehr haben über das Leben, denn Papa kann auch stillen. Dass der Mensch ein Säugetier ist und wie bei allen Säugetieren die Weibchen die Jungen austragen und aufziehen, wird ignoriert.

shemale

Trans*woman / shemale

Transgendermenschen, die sich z. B. von einem Mann zu einer Frau haben umwandeln lassen, sehen sich davon jedoch diskriminiert. Letztere behaupten darüber hinaus steif und fest, sie seien Frauen, auch wenn sie weiterhin einen Penis besitzen und damit sogar angeben (die Zeichnung links habe ich von einer Transwoman auf Twitter geklaut, der öffentlich mit seinem „big dick“ prahlte und darüber hinaus allen, die nicht seiner Meinung waren, ein „Sterben im Feuer“ wünschte). Frauen, die zu Männern transformieren, gehen mit dem Thema weitaus reflektierter um.

Radikaler Feminismus: Dieser Ansatz geht von allen am tiefsten, scheitert aber oft an gesellschaftlichen Tabu-Themen wie z. B. Islamkritik. Ganz schnell geraten radikale FeministInnen unter das Rassismus-Totschlagargument aus ihren eigenen Reihen, wenn sie z. B. das Tragen von Kopftüchern als ein Merkmal der Frauenunterdrückung des Islam kritisieren. Dann demonstrieren sie ängstlich ihren Antirassismus, in dem sie allzu kritischen Frauen Rassismus vorwerfen. Sie haben noch nicht erkannt, dass die monotheistischen Religionen, wie der Islam eine ist, dazu dienen, die sexuelle Freiheit der Frauen zu unterdrücken und sie in die Isolation zu bringen. Da können gläubige Kopftuchträgerinnen noch so sehr behaupten, sie übten nur ihre Religion aus. Ja, das tun sie, aber sie untermauern damit gleichzeitig das Patriarchat, ohne dass es ihnen bewusst ist.

Allen diesen feministischen Ansätzen, das Patriarchat zu überwinden, ist eines gemein: Sie gehen nicht an die Wurzel. Die Urdiskriminierung ist die der Frau durch das Patriarchat, alle anderen folgten daraus. Wer sich also auf einem der Nebenkriegsschauplätze austobt, wird sich verausgaben ohne eine wesentliche Veränderung zu bewirken, denn wie bei einer Hydra, bei der nach Abschlagen eines Kopfes zwei neue nachwachsen, zeigen sich immer neue Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen, die es „abzuschlagen“ gilt. Gerade kürzlich bekam ich mit, dass Dreadlocks bei weißen Menschen eine Diskriminierung und kulturelle Vereinnahmung der schwarzen Rastafari-Bewegung sei und dass privilegierte Weiße es gefälligst zu unterlassen haben, sich die blonden Haare zu verfilzen, weil sie damit unterprivilegierte Schwarze verhöhnten, genau wie beim Blackfacing. Dass dies ausgerechnet von den weißen studierten privilegierten intellektuellen Feministinnen kommt und nicht etwa von den schwarzen Menschen selbst, ist ein gutes Erkennungszeichen: Beim Abschlagen dieses vermeintlichen Hydra-Kopfes „Rassismus und kulturelle Vereinnahmung“ zeigen sich sofort zwei neue grinsende des Patriarchats: Die Entsolidarisierung von Frauen untereinander und die Ablenkung des Fokus vom eigentlichen Übel, nämlich der Frauendiskriminierung. Auch weiße Frauen sind Frauen und werden in ihrer Gesellschaft diskriminiert und benachteiligt, insbesondere die Mütter. Es ist besonders traurig und ein triefender Sarkasmus des Patriarchats, dass diese sich für ihr Weißsein auch noch rechtfertigen müssen, und zwar ausgerechnet gegenüber Feministinnen.

Außerdem fehlt in der heutigen feministischen Bewegung die Komponente Biologie, denn leider wird immer, wenn sie ins Spiel kommt, unweigerlich Biologismus unterstellt, der aber auch wieder nur eine Konstruktion des Patriarchats ist, um die Biologieargumente als Müll zu entsorgen.

Sehen wir uns die biologischen Gegebenheiten des Menschen genauer an. Es verhält sich natürlicherweise bei vielen Tierarten und auch beim Menschen so, dass dasjenige Geschlecht, das den höheren Elternaufwand hat, in der Natur den Partner wählt. Das ist in den allermeisten Fällen das Weibchen, beim Menschen also die Frau (female choice). Es steht der Frau also natürlicherweise (kultürlicherweise dann nicht mehr) zu, ihren Sexualpartner frei und selbstbestimmt zu wählen. In der Altsteinzeit wurden durch den matrifokalen Zusammenhalt der Frauen in der Sippe männliche Übergriffe auf Weibchen unterbunden. Doch haben sich im Laufe der Patriarchatsgeschichte die Männer mehr und mehr das alleinige Recht genommen, ihre Sexualität frei auszuleben, während das der Frauen eingeschränkt wurde. Aber auch heute noch spüren Frauen, dass sie sexuell massiv eingeschränkt sind und versuchen, sich ihre Selbstbestimmung zu erhalten. Selbst der klägliche Versuch einiger weniger ständig in Talkshows auftretenden „glücklichen Sexarbeiterinnen“, die Prostitution als empowernd und befreiend zu verkaufen, ist im Grunde nichts anderes, als das unbewusste Einfordern des den Frauen natürlicherweise zustehende Recht auf ihre freie Wahl des Sexualpartners. Dass damit das Prostitutionsgeschäft und so die Versklavung tausender osteuropäischer Frauen einher geht, ist der Missbrauch des Patriarchats, der von den ProstitutionsbefürworterInnen billigend, und damit patriarchatserhaltend und -untermauernd in Kauf genommen wird.

Der eigentliche Zweck und seine Mittel

Auf den Punkt gebracht dient das Patriarchat dazu, die Frauen zu isolieren, sexuell zu kontrollieren, ihnen ihre sexuelle Selbstbestimmtheit zu nehmen (female choice), Kontrolle auf ihre Kinder auszuüben, besonders auf die Söhne, die Vaterschaft aufzuwerten und die Mütter zu schwächen. Es ist klar, welchen Menschen das nützt: Den Besitzenden, Mächtigen und Herrschenden. Im heutigen Patriarchat sind das keineswegs mehr nur Männer, auch Frauen können die glühendsten Erzpatriarchen sein. Das Instrument dazu ist die Institution Ehe, die gerade in heutiger Zeit lieber nicht in Frage gestellt wird, da sie unter dem Slogan „Ehe für alle“ auch von homosexuellen Menschen eingefordert wird. Stellt man jedoch die Ehe in Frage, bekommt man in diesem Zusammenhang zu hören, anmaßend und homophob zu sein. Einer der hinterhältigen und leider wirkungsvollen Tricks des Patriarchats, zu verhindern, sein bestes Unterdrückungsinstrument in Frage zu stellen, aber vor dem heutigen zeitgemäßen Wunsch, die Diskriminierung homosexueller Menschen zu bekämpfen, ist genau deshalb nicht erkennbar. Diese Art von blinden Flecken finden sich zuhauf: Vermeintliche Befreiung der Frauen in der Prostitution, vermeintlicher Rassismus und Islamophobie beim Kritisieren des Islam, vermeintlicher Männerhass bei Benennung vom Sexismus und vieles mehr.

Ein verstörendes Beispiel

Patriarchalisch konditionierte Menschen, Männer wie Frauen, dienen unbewusst und zwangsläufig dem System, ob sie wollen oder nicht, auch dann, wenn ihre Intention eigentlich ist, das Patriarchat abzuschaffen. Deshalb ist es fast unmöglich, dass sich Frauen mit unterschiedlichen Bewusstseinszuständen untereinander solidarisieren können, sondern sich gegenseitig bekämpfen. Das macht selbst bei denen nicht halt, die sich nach eigener Aussage schon Jahrzehnte lang aktiv mit Patriarchatskritik beschäftigen. Im Patriarchat geht es um Machtausübung über andere, der selbstverständlich auch Frauen erliegen. Hier ein verstörendes Beispiel, wie ausgerechnet eine Patriarchatskritikerin auf meine beiden Texte „Problematische Verhaltensweisen“ und „Begegnung auf Augenhöhe“ reagiert:

Diese Frau hat nicht nur meine Texte und Intentionen komplett missverstanden, sie meint, genau zu wissen, wie tief ich selbst noch im Patriarchat stecke. Sie macht das fest an meiner Eigenschaft als klassische Sopranistin. In ihrer vermeintlichen mütterlichen Autorität, die nichts anderes ist als Machtausübung, meint sie, sich über mich erheben zu können und ich ihre Unterstellungen und Abwertungen, die sie als Ehrlichkeit euphemisiert, als Chance zu sehen und dafür auch noch dankbar zu sein hätte. Sie unterstellt mir einen Opferstatus, aus dem ich nicht heraus wolle und den ich mit meinen Texten zu rechtfertigen suche, schlimmer noch, den Tätern damit auch noch Schutz zu gewähren (das Gegenteil ist der Fall). Und sie ist sich nicht zu schade, mich und meine Musik öffentlich zu diffamieren („Lieb-Mädchen-Gedödel“ ist schlicht eine Unverschämtheit). Als Krönung zitiert sie auch noch jene Person, die sie vorher als VerräterIn beschimpfte und in schamloser Weise verleumdete, in dem sie deren persönlich an sie gerichtete Mail öffentlich stellte, abwertende Spekulationen über sie verbreitete und ihr durch Blocken keine Chance zur Klarstellung gab.

Übergriffiger kann sich jemand kaum verhalten. Dieses Beispiel zeigt überdeutlich, wie schwer es ist, den patriarchalen Kontaminierungen und Unterwanderungen zu entgehen. An dem Kommentar können aufmerksame LeserInnen meines Blogs eine ganze Palette an problematischen Aussagen erkennen und wer sich hier als eindeutige Täterin outet. Interessant auch immer wieder zu beobachten, dass sich Leute ein Urteil erlauben über eine Person aufgrund der Informationen, die diese Person von sich preisgibt, ohne zu berücksichtigen, dass das nur ein Milliardstel von dem ist, was diese Person wirklich ausmacht. In meinem Fall werde ich auf den Status „klassische Sängerin, die zu doof ist, die christlichen Texte, die sie singt, im patriarchalen Kontext zu durchschauen“ reduziert. Dass ich Ingenieurwesen studiert habe und damit der Wissenschaft näher bin als es den Anschein hat, ahnt der gesamte (ausschließlich weibliche!) Mob, der aufgrund des obigen Urteils danach tagelang über mich herzog, nicht im entferntesten.

Doch bei allem Kopfschütteln über so viel Ignoranz und Empathielosigkeit: Es ist das Patriarchat, das uns Frauen zu solchen Aktionen verleitet, sind wir doch seit Jahrtausenden in einer kollektiven Zwangslage. Meistens passiert so etwas, wenn Angst im Spiel ist, irgend etwas zu verlieren, z. B. Kompetenz (und die Macht, die damit verbunden ist). Deshalb entschuldige ich das Verhalten dieser Frau zwar nicht, aber erkläre es damit, dass sie eben wie die meisten Menschen, genau wie ich selbst lange Zeit auch (und wahrscheinlich sogar auf manchen Gebieten noch immer), patriarchalen Verhaltensmustern unterliegt. Als Patriarchatskritikerin hat sie sich damit für mich disqualifiziert, widerspricht sie doch mit so einem Verhalten ihrem eigenen Anspruch. Ich finde das ziemlich ärgerlich, denn es ist mal wieder ein Tiefschlag gegen die Bemühungen, das Patriarchat bloßzustellen, und zwar ausgerechnet dort, wo der Ansatz eigentlich äußerst vielversprechend ist, nämlich in der Klarstellung der Menschheitsgeschichte; andererseits aber auch ein typisches Beispiel dafür, warum auch hier der Versuch scheiterte, einen gemeinsamen Konsens zu finden und warum das Patriarchat mal wieder gewonnen hat. Deshalb ist es so enorm wichtig, sich nicht nur diese problematischen patriarchalischen Verhaltensweisen bewusst zu machen, sondern wirklich nicht einen einzigen Aspekt zu übersehen. Andernfalls ändert sich gar nichts, im Gegenteil, der Patriarchats-Hydra wachsen immer mehr Köpfe.

Resumee

Das Patriarchat nachhaltig abzuschaffen setzt das umfassende und kollektive Erkennen und Verstehen voraus. Wird auch nur ein Aspekt nicht erkannt, besteht die Gefahr, in genau die Falle dieses Aspekts zu tappen (der abgeschlagene Hydra-Kopf wächst doppelt nach). Das Patriarchat zu bekämpfen ist in der Tat nichts für Dünnbrettbohrer, denn es ist ein dickes Brett. Ein verdammt dickes Brett: Es verschleiert und tarnt sich, wo es nur geht. Noch sind die in der Mehrzahl, die die Benennung des Patriarchats in all seinen Facetten als Verschwörungstheorie abtun und es auf vielen Ebenen verleugnen. Doch es reicht nicht, ein Gebirge abtragen zu wollen, in dem man am Fuß eines Berges kratzt, denn das Patriarchat ist schlau. Es versteht brilliant, alle Bemühungen, die Frauen aus ihrer Isolation und in ihre ursprüngliche und natürliche Kraft und Stärke zurück zu bringen, damit die Natur und die Erde zu retten und allen Menschen (ja, auch den Männern!) ein würdiges Leben zu ermöglichen (und nur darum geht es letztendlich!), für seinen Zweck zu missbrauchen.

Dieser Zweck ist, den Status Quo zu erhalten. Koste es was es wolle.

Weiterführende Quellen:
Gerhard Bott: "Die Erfindung der Götter", www.gerhardbott.de
Gabriele Uhlmann: "Archäologie und Macht",  www.gabriele-uhlmann.de
Sarah Blaffer Hrdy: Mütter und andere
Stephanie Gogolin: Alltag

Was Feminismus nicht ist

Kurzmitteilung

Feminismus ist nicht:

  • Männerhass
  • Besser sein zu wollen als die Männer
  • Genau so werden zu wollen wie die Männer
  • Dieselben Privilegien haben wollen wie die Männer
  • Sich mit dem Patriarchat arrangieren
  • Sich mit dem Kapitalismus arrangieren
  • Frauen als die besseren Menschen ansehen
  • Stereotype Rollenbilder leben
  • Sich nicht für die Menschen einsetzen, sondern für das System
  • Sich verbiegen für das System
  • Menschen nicht auf Augenhöhe begegnen
  • „Sexpositiv“ oder „sexnegativ“
  • falsche Selbstbestimmtheit und Freiheit innerhalb des Systems
  • Gleichmacherei
  • Geschlechterleugnung
  • Mütterbashing

Daraus ergibt sich ganz automatisch, was Feminismus also ist: Eine Bewegung, die das bestehende System in Frage stellt und abschaffen will (also vornehmlich das Patriarchat sowie den Kapitalismus), mit dem Ziel, respektvolle Augenhöhe zwischen den Geschlechtern (und allem, was dazwischen existiert) zu schaffen. Das ist alles.

Wird aber derzeit gerade von vielen Menschen, die sich FeministInnen nennen, völlig missverstanden. Die  kriegen das mit der Augenhöhe nicht hin, finden häppy Sexwörk toll oder, dass Geschlecht ausschließlich eine soziale Konstruktion ist.

 

Problematische Kommunikation: Patriarchalische Wurzeln

Vor zwei Jahren veröffentlichte ich meine ersten Blogartikel „Begegnung auf Augenhöhe“ und „Problematische Verhaltensweisen und Überzeugungen„. Heute resümiere ich, dass sich bisher nichts so sehr bewahrheitet hat wie die Erkenntnisse in diesen beiden Artikeln, und was sie mit dem Patriarchat zu tun haben.

Eine Bemerkung vorab: Meine Artikel basieren auf psychologischen Erkenntnissen, die ich durch meine eigenen Erfahrungen und Reflexionen bestätigt sehe. Es handelt sich hierbei tatsächlich um geltende Naturgesetze. Dass psychologische Erkenntnisse häufig als esoterisch und unwissenschaftlich abgetan und deshalb nicht ernst genommen, belächelt und ignoriert werden, liegt in der Natur der Sache: Es ist schwierig, die menschliche Psyche zu erforschen, weil es lange Zeit nichts zu messen gab, und die Psychologie hat sich in ihrer Entwicklungsgeschichte nicht gerade mit Ruhm bekleckert, wurden Menschen doch auf beschämendste Weise ihrer Würde beraubt, was ganz besonders Frauen betraf. Ihnen wurde zu Anfang die geistige Unterlegenheit gegenüber dem Mann diagnostiziert. Auch das ist selbstverständlich dem Patriarchat geschuldet. Im Grunde kann ein Mensch nur anfangen, sich selbst zu erforschen und die eigenen angelernten Überzeugungsmuster immer wieder an der Realität zu messen und zu überprüfen, und das gilt für Männer wie Frauen. Wer sich darin übt und die eigenen Sinne schärft, wird erkennen, dass vieles, was als wahr und gültig angenommen wurde und wird, korrigiert werden muss.

Mit dieser lange entwickelten Einstellung und offenen Augen sah ich mir ganz genau an, was in dieser Welt gerade passiert und auch passiert ist, und besonders, welche Rolle ich selbst darin spiele und spielte (im wahrsten Sinne des Wortes). Ich musste erkennen, dass ich und alle Menschen dieser Erde und dieser Zeit patriarchalisch sozialisiert und konditioniert sind. Nun, das ist wahrlich nichts neues, es gibt genügend Literatur zur Soziologie des Patriarchats, doch was bedeutet das? Die negativen Auswirkungen betreffen Männer wie Frauen, doch sind die Frauen als die unterdrückte Hälfte der Menschheit wesentlich stärker und prekärer davon betroffen. Selbst diese Tatsache musste ich mir erst einmal bewusst machen, denn ich habe die meiste Zeit meines Lebens geglaubt, ich sei voll emanzipiert und das Patriarchat sei abgeschafft oder löse sich gerade auf, wie auch manche Frauen, die derzeit ein Postpatriarchat postulieren, glauben. Dabei ist das Gegenteil der Fall, wir stecken noch bis zum Hals darin. Was wir tun können, dies zu ändern, ist u. a. die Menschheitsgeschichte neu zu reflektieren, was derzeit einige wenige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in Angriff nehmen, bisher jedoch von der herrschenden Lehrmeinung ignoriert bis diffamiert. Doch damit bringen sie lange geglaubte Irrtümer ans Licht, z. B. die (ideologisch geschürte und irrige) Annahme, es hätte in der Religion immer schon einen Urvater gegeben. Das Gegenteil ist der Fall, die längste Zeit hat die Menschheit die Urmutter verehrt, was archäologisch belegt ist. Auch ist das Dogma widerlegt, es hätte schon immer die heutige Kernfamilie gegeben, also Vater, Mutter, Kind, und dass diese Paarungsfamilie schon in Urzeiten für sich selbst gesorgt und gewirtschaftet hätte, der Mann als Beschützer und Ernährer der in der Höhle hausenden und sich höchstens zum Sammeln nach draussen begebenden Frau. Doch ist dieses Modell weitaus jüngeren Datums und ebenfalls im Patriarchat verwurzelt. Es wird heute als die Norm gelebt als Institution Ehe und ist die staatlich anerkannte und geförderte Lebensform. Dabei ist sie seit Jahrtausenden eine unnatürliche und aufgezwungene Lebensweise, die zu Lasten der Frauen ging. Das Bild des steinzeitlichen Mannes, der seine Frau als Beute an den Haaren in die Höhle schleppt, ist überholt und hat sich als falsch und ideologisch heraus gestellt. Die Menschen lebten friedlich in großen Gruppen mit um die 100 Individuen, es gab keine Hierarchie (also „Herrschaft“, woraus folgt, dass es auch kein „Matriarchat“ gab, also eine „Mütterherrschaft“ als Pendant zum Patriarchat, was „Väterherrschaft“ bedeutet, sondern eine egalitäre matrifokale Gesellschaftsform). Die Fakten dazu sind bestens erklärt bei z. B. Gabriele Uhlmann oder Gerhard Bott, auf die ich hier in diesem Artikel nicht weiter eingehen will, da ich sie mir selbst erst kürzlich angeeignet habe und mir noch längst nicht alle bekannt sind. Das würde den Rahmen meines Posts sprengen. Auch Kirsten Armbruster und Stephanie Gogolin haben zu dem Thema Matrifokalität gute und klare Artikel geschrieben, weshalb ich sie zum Einstieg bestens empfehlen kann.

Was haben nun die problematischen Verhaltensweisen, die ich immer wieder unter Menschen beobachte, und zwar nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch zwischen Frauen untereinander, mit der Soziologie des Patriarchats zu tun? Meine Beobachtung war: Ein liebevoller Umgang von Menschen untereinander ist selten gegeben. Statt dessen sind deutlich sichtbar: Machtstreben, Bedürftigkeit, Verantwortungslosigkeit sich selbst und anderen gegenüber, gepaart mit verletzten Selbstwertgefühlen und Minderwertigkeitskomplexen; das geht bis hin zur psychischen und verbalen Gewalt. Empathie und Mitgefühl sind mit der Lupe zu suchen und selten zu finden. Diese Beobachtung kann jede Frau und jeder Mann machen, doch dazu ist es notwendig, genau hinzusehen (bzw. überhaupt hinzusehen, denn das tun einige selbst bei offensichtlichsten Gegebenheiten nicht).

Erika J. Chopich und Margaret Paul schreiben in ihrem Selbsthilfebuch „Aussöhnung mit dem inneren Kind“ (Ullstein, 1990, 24. Auflage 2007) im Vorwort:

„Unsere Gesellschaft befindet sich in einer tiefen spirituellen Krise, denn wir haben vor Tausenden von Jahren, noch bevor Jesus Christus auf die Welt kam, den falschen Weg eingeschlagen: Wir haben den Kontakt zu unseren Herzen verloren.“

Damit bringen sie das Elend, das in dieser Welt „herrscht“ (wortwörtlich), auf den Punkt, und es kann ergänzt werden: Das Patriarchat ist die Ursache allen Übels auf diesem Planeten seit der neolithischen (jungsteinzeitlichen) Revolution (der Wikipedia-Artikel bedarf dringender Überarbeitung, denn er ist, wie vieles zu diesem Thema, patriarchal kontaminiert). Um das Übel also abzuschaffen, müssen die Menschen wieder lernen, „in Kontakt mit ihren Herzen“ zu gehen. Das beinhaltet nichts anderes, als sich selbst, der angelernten Überzeugungen und Verhaltensweisen, Annahmen und Tabus bewusst zu werden. Nur das, was bewusst ist, kann gesehen und damit auch geändert werden. Wer den Weg in sein Inneres geht, und nur dorthin führt eine wirkliche Veränderung, nicht ins Außen, lernt sich selbst kennen, spüren, fühlen, und erlangt auf diesem Weg die Fähigkeit, andere zu spüren, ein Gefühl und Mitgefühl für sie zu entwickeln.

Die Realität sieht indes anders aus. Die meisten Menschen machen sich nicht die Mühe und sehen auch keinen Anlass, sich selbst zu hinterfragen, sondern werten und beurteilen andere Menschen aufgrund ihrer anerzogenen (unbewussten) Verhaltensweisen und Überzeugungen. Auch ist es üblich geworden, nicht von sich selbst zu reden (dabei kann ein Mensch ja nur von sich, also von der eigenen Perspektive aus, reden), sondern lieber über andere, und auch nicht mit ihnen. Es handelt übergriffig, wer über andere urteilt, die Aussagen anderer be- oder abwertet, im eigenen Sinne interpretiert, ganz genau zu wissen glaubt, wie andere ticken, funktionieren, was sie denken, was bei ihnen los ist und sie aufgrund dieser Annahmen mit einer psychologischen Diagnose kategorisieren. Daraus resultieren nicht selten entsprechende ungefragte und ungebetene Ratschläge. Übergriffe sind eine Eingemeindung anderer Personen in die eigenen Ansichten, Überzeugungen, Standpunkte und Annahmen, kurz: Eine Kolonialisierung.

In welchem System hat Kolonialisierung ihren Ursprung? Im Patriarchat.

Doch wie wollen wir das Patriarchat überwinden, wenn wir selbst ständig dabei sind, uns der ungesunden Praktiken, die zu dem bestehenden (unnatürlichen) gesellschaftlichen System geführt haben, auch im Zwischenmenschlichen zu bedienen? Zeigt es nicht einfach nur deutlich, wie tief wir alle noch im Patriarchat stecken, und zwar unbewusst, und dass die einzige Möglichkeit, sich die Dinge bewusst zu machen und damit zu ändern, das Sich-Hinterfragen ist? Wo wollen wir anfangen, dieses Gesellschaftssystem, das uns allen so massiv schadet, abzuschaffen, wenn wir nicht bei uns selbst anfangen? Ja, bei uns selbst, auch bei dir, der/die du jetzt diese Zeilen liest!

Um Missverständnissen vorzubeugen: Sich die o. g. Verhaltensweisen abzugewöhnen beinhaltet NICHT, keine Kritik mehr üben zu dürfen oder zu können. Kritik an den ideologischen Dogmen der WissenschaftlerInnen, der Kirche, der Politik etc. ist selbstverständlich notwendig und richtig. Ebenso beinhaltet „auf Augenhöhe“ NICHT, dass zwei Menschen denselben Wissensstand haben, oder sogar den selben Erfahrungshintergrund. Jeder Mensch macht eigene Erfahrungen und hat unterschiedliches Wissen und darauf basierend einen eigenen Erkenntnisstand, so dass es in diesen Punkten niemals eine Übereinstimmung geben kann. Wir sind unterschiedlich in vielen Dingen. Doch das Begegnen auf Augenhöhe geschieht zutiefst in dem Wissen und der Überzeugung, dass wir Menschen und auch alle Lebewesen auf diesem Planeten in all ihrer Vielfalt eins sind mit der Natur. Wollen wir die fortschreitende Zerstörung der Natur, des Planeten und all der Spezies darauf stoppen, müssen wir lernen, unsere Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl, die uns im Alltag allzuoft abhanden gekommen ist, zu reaktivieren. Und zwar dringend, bevor es zu spät ist.

Wenn es das nicht schon ist.

Der Täterschutz der deutschen Justiz

Meine Begegnung mit der deutschen Justiz ist schon ein paar Jahre her, und eigentlich (dieses Wort gehört „eigentlich“ aus dem Wortschatz gestrichen) wollte ich mein Erlebnis, nachdem ich es aber dennoch öfters in Kommentaren oder Facebookposts geschildert habe, einfach begraben. Die Reaktionen darauf waren dürftig bis verständnislos, und so ließ ich es tatsächlich irgendwann auf sich beruhen. Erlebt, damit nicht klar gekommen, aber ohnehin nix ändern können, sollte ich also den Deckel drauf legen. Aber ich kann es bis heute nicht, und mir ist auch endlich klar warum.

Jedenfalls lag es nicht daran, dass ich zu empfindlich bin, dass ich Dinge nicht abschließen kann, dass ich nicht „erwachsen“ oder souverän genug bin, mit Niederlagen umzugehen, oder dass ich immer alles auf mich beziehe. Oder dass ich kleinkariert sei oder mir nicht klar sei, dass das, was ich erlebt habe, ein Pipifax ist gegen die Ungerechtigkeiten, die Menschen tagtäglich erleben müssten. Ja, es stimmt, es ist ein Pipifax dagegen. Aber es steht für sehr problematische Strukturen und Handlungsstandards in dieser Gesellschaft. Sie zu durchbrechen kann nur geschehen, wenn sie bewusst gemacht werden. Deshalb erzähle ich hier meine Geschichte noch einmal in aller Öffentlichkeit.

Ich bin verurteilt worden. Eine Verurteilung „nur“ mit Strafandrohung. Keine Vorstrafe also. Dennoch ein gerichtlich gesprochenes Urteil. Ein Urteil, das falsch ist. Denn der wahre Täter kam straffrei davon.

Was war passiert? Ich hatte einen Verkehrsrowdy angezeigt, der auf einer Schnellstraße versucht hatte zu verhindern, dass ich ihn überhole. Er beschleunigte auf der rechten Spur, während ich versuchte, ihn links zu überholen, er bremste mich aus, als ich mich daraufhin hinter ihm auf die rechte Spur begab, und als ich es trotzdem geschafft hatte, ihn zu überholen, rächte er sich durch massives dichtes Auffahren und Drängeln und Schneiden. Das war einfach zu viel, das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen und so erstattete ich noch am selben Tag bei der Polizeiwache Anzeige gegen den Fahrer des Fahrzeuges, dessen Nummer ich mir gut gemerkt hatte.

Ein paar Wochen später bekam ich ebenfalls eine Anzeige von ihm wegen Nötigung und Beleidigung. Ich hätte ihm einen Vogel und den Stinkefinger gezeigt. Das wog für die deutsche Justiz schwerer als Drängeln und Ausbremsen und verkehrsgefährdendes Verhalten. Denn das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt mit der Begründung, dass Aussage gegen Aussage stünde, die Aussicht auf Erfolg sei zu gering. Das Verfahren gegen mich schien aber nicht so aussichtslos zu sein, auch wenn die selben Vorraussetzungen galten, nämlich Aussage gegen Aussage. Es gab keine weiteren Zeugen.

Ich legte Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens gegen meinen Gegner ein, die ich aber später zurück nahm auf Anraten meiner Anwältin. Das Gericht lud mich nämlich zu einer Hauptverhandlung ein in Gegenwart des „Zeugen“, also des Täters, vor dem ich aussagen sollte. Schließlich war ich hier die Beklagte. Allein diese Verdrehung der Tatsachen war für mich schlicht nicht zu ertragen, und es ging mir aus anderen Gründen zu der Zeit noch ziemlich schlecht. So zog meine Anwältin „aus taktischen Gründen“, wie sie mir versicherte, die Beschwerde kurz vor der Verhandlung zurück. Sie meinte, das sei richtig so, weil es mir zu der Zeit nicht gut ging. Es war nicht meine Entscheidung, weil ich gerne die Wahrheit klar gestellt hätte. Doch so blieb mir dieser Gerichtstermin immerhin erspart.

Die Entscheidung von der Staatsanwaltschaft bekam ich erst zu erfahren, als das gerichtliche Verfahren gegen mich abgeschlossen war, also ca. ein 3/4 Jahr später. Die Begründung hat mich schlicht umgehauen: Durch meine Rücknahme der Beschwerde gegen das Urteil gegen mich hätte ich die Vorwürfe eingeräumt, und die Staatsanwältin schrieb in ihrer Begründung, dass meine Glaubwürdigkeit dadurch anzuzweifeln ist. Die Strafe besteht also, und die Gerichtskosten musste ich tragen. Fast ein Jahr nach meiner Anzeige.

Dass der Satz „Aussage gegen Aussage“ keineswegs immer gleich ausgelegt wird und warum, ist mir erst in den letzten Jahren klar geworden, als ich mich mit dem in Deutschland vorherrschenden Sexismus beschäftigte, und die daraus resultierende Problematik, dass Vergewaltigungsopfer die Tat nicht anzeigen, weil sie danach massiver Opferbeschuldigung ausgesetzt sind. Es wird ihnen per se Unglaubwürdigkeit und die Absicht unterstellt, den Täter vorsätzlich falsch zu beschuldigen. Vorerst war ich einfach nur irritiert darüber, nun ist es mir klar: Die deutsche Justiz betreibt einen offensichtlichen Täterschutz, besonders dann, wenn der Täter ein Mann und das Opfer eine Frau ist. Dabei muss es sich noch nicht einmal um eine Vergewaltigungstat handeln. Ich bin in diesem Staat verurteilt worden aufgrund einer „Zeugenaussage“, die erstunken und erlogen war und weder von anderen bestätigt noch bewiesen worden ist. Ohne je persönlich befragt worden zu sein, ohne je im Gerichtssaal gewesen zu sein, ohne jemals den Richter kennen gelernt zu haben, der mich verurteilt hat. Nur schriftlich. Ein gelber Brief mit der Post zugestellt verkündete das Urteil, fertig aus.
Wer das noch nicht erlebt hat, der weiß nicht wie es sich anfühlt, wenn an der Tür ein Postbote steht, einen gelben Brief zückt, eine Unterschrift verlangt und dein entsetztes Erstaunen mit den Worten „Da habe ich nichts mit zu tun“ kommentiert.

Aber es wurde stets an meine Gelassenheit appelliert, ich solle es einfach hinnehmen. Dabei kommen die wirklich problematischen Verhaltensweisen immer dann zum Vorschein, wenn ich von meinem Erlebnis erzähle. Es wird abgewiegelt, herunter gespielt, nicht ernst genommen. Meine Anwältin sagte, nach dem ich ihr einmal zu oft meine Fassungslosigkeit kund tat, nun sei es doch mal an der Zeit, damit souverän umzugehen, meinen Sie nicht? Gerade im Verkehrsrecht sei so vieles ungerecht und unklar. „Oder nehmen Sie den Fall Kachelmann, da behauptet so eine Tussi, ‚der hat mich vergewaltigt‘!“ Sinngemäß, aber den letzten Satz sagte sie mit Kleinmädchenstimme. Tja, genau. Tussis, die einfach so eine Tat vortäuschen und sich dann auch noch trauen, diese vorgetäuschte Tat anzuzeigen. Wie abgrundtief hinterfotzig! Und solchen Tussis haben Sie es zu verdanken, dass Sie nicht für glaubwürdig gehalten werden, Sie könnten ja auch so eine sein, wer weiß! Sie wurden zwar verurteilt, aber nicht schlimm, nur wegen Beleidigung, und dann auch nur mit Strafandrohung, falls Sie das innerhalb der nächsten zwei Jahre noch einmal tun. Deal with it.

Pipifax? Nein. Ein Skandal.

 

Das Pro-Prostitutions-Bullshit-Bingo

Heutzutage ist es für die junge Generation der FeministInnen en vogue, sich für Prostitution einzusetzen. Und zwar für Prostitution, nicht etwa nur für die Prostituierten. Die Gründe: Diese brauchen natürlich die Prostitution, um ihrem Beruf nachgehen zu können. Würde die Prostitution verboten oder auch nur der Kauf von sexuellen Dienstleistungen, wäre damit den SexworkerInnen die Lebensgrundlage entzogen. Deshalb versteht es sich von selbst, sich also dafür einzusetzen, dass die SexworkerInnen bessere Arbeitsbedingungen erhalten, dass die Stigmatisierung ein Ende hat und dass selbstverständlich jede Frau das Recht auf Selbstbestimmtheit genießt, wenn es um ihren Körper geht. Das gilt sowohl für die Ausübung als selbstbestimmte SexworkerIn im Prostitutionsgewerbe als auch für z. B. PornodarstellerInnen.

So oder ähnlich wird immer wieder argumentiert. Ich unterstelle den Anhängern dieser Argumente noch nicht einmal, dass sie nicht nur das Beste wollen. Dennoch halte ich all diese Argumente für auf Sand gebaut, denn sie übersehen sehr wichtige Dinge, die für das Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft elementar sind: Prostitution ist per se würdelos, weil sie Gewalt und Missbrauch von Menschen beinhaltet. Das gilt genau so für die Pornographie.

Doch wehe, man vertritt heutzutage die klare Ansicht, dass Prostitution würdelos und unmenschlich ist: Es ist zwar unglaublich, aber ausgerechnet die, die sich liberale FeministInnen nennen, behandeln eine dann plötzlich wie Aussätzige, Abartige, Kranke. Das geht mit Unterstellungen los, erweitert sich über Schmähungen und Drohungen und hört bei Blocken und Ausschluss nicht auf.

Ich habe hier einmal die Schlagworte, Behauptungen, Projektionen und Unterstellungen gesammelt, mit denen ich mich, seit ich meine Position gegen Prostitution deutlich gemacht habe, immer wieder konfrontiert sehe, und stelle sie gleichzeitig richtig:

  • ProstitutionsgegnerInnen sind alle HurenhasserInnen
    Richtig ist: ProstitutionsgegnerInnen lehnen das System Prostitution ab, nicht die Menschen, die sie ausüben. Im Gegenteil: Indem sie sich dafür einsetzen, das System zu kippen, setzen sie sich automatisch auch für die Prostituierten ein. Das hört die Lobby aber nicht gern, weil sie das System erhalten will, denn es ist gerade in Deutschland ein sehr lukratives Geschäft. Und zwar zuletzt für die unmittelbar Betroffenen, die Prostituierten.
  • Dass es nur wenige selbstbestimmte und zufriedene SexworkerInnen gibt, ist eine Lüge!
    Richtig ist: Höchstens 5-10% aller Prostituierten arbeiten tatsächlich freiwillig und selbstbestimmt und verdienen darüber hinaus auch noch gut. Der weitaus größte Teil lebt in prekären Verhältnissen und will vor allem eines: Raus aus der Prostitution.
  • Ihr wollt nicht mit uns (den ProstitutionsbefürworterInnen) diskutieren? Das zeigt ganz deutlich eure Verachtung für die SexworkerInnen!
    Richtig ist: Diskussionen erwiesen sich immer wieder als frucht- und sinnlos. Das nervt.
  • Der Schwarzer-Feminismus ist rückständig und paternalistisch
    Nein. Er ist etabliert, weitsichtig und setzt sich seit Jahrzehnten für die Gleichstellung aller Frauen in der Gesellschaft ein. Ich betone: Aller Frauen.
  • ProstitutionsgegerInnen sind nur selbsternannte FeministInnen
    Ja, natürlich. Alle FeministInnen sind selbsternannt, haben sich dafür entschieden, sich im Feminismus zu engagieren. Ich kenne jedenfalls keine Instanz, die jemandem die Bezeichnung „FeministIn“ explizit verleiht.
  • ProstitutionsgegnerInnen sind sexnegativ und haben grundsätzlich eine Abneigung gegen oder ein Problem mit Sex
    Richtig ist: ProstitutionsgegnerInnen haben überhaupt kein Problem mit Sex. Nur mit Sex gegen Geld. Sobald Geld ins Spiel kommt, kann von konsensualem Sex keine Rede mehr sein. Das Problem mit Sex haben in Wirklichkeit jene, die glauben, sich erfüllenden Sex kaufen zu können.
  • ProstitutionsgegnerInnen wollen SexworkerInnen bevormunden und „retten“
    Nein. Wollen sie nicht.
  • Sexarbeit ist eine Arbeit wie jede andere auch
    Nein, das ist sie nicht. Das Wort „Sexarbeit“ ist ein schlimmer Euphemismus: Es verharmlost das, was damit gemeint ist: Prostitution. Und Prostitution ist Gewalt und Missbrauch. Viele Prostituierte, besonders viele ehemalige und überlebende, lehnen diesen Begriff deshalb auch vehement ab.
  • Den ProstitutionsgegnerInnen geht es nur um Verbote
    Nein, es geht ihnen um eine Gesellschaft, die ohne Prostitution auskommt.
  • Kriminalisierung, auch der Freier, ist Murks
    Solange dem Markt nicht anders der Sumpf trocken gelegt werden kann, ist es am naheliegensten, jene zu kriminalisieren und zu bestrafen, die den Markt erst möglich machen.
  • Wer Freier kriminalisiert, entzieht den SexworkerInnen die Lebensgrundlage
    Nein, sondern verhilft ihnen, da der Markt immer weniger nachgefragt wird, zu einer realen Chance, aus der Prostitution auszusteigen.
  • Ihr denkt ja alle nur in Schubladen!
    Und ihr erst mal!
  • ProstitutionsgegnerInnen sind ganz arme verklemmte prüde Menschen
    Richtig ist: Sie haben sich viele Gedanken zum Thema Prostitution gemacht, sich intensiv mit dem Thema und auch mit anderen gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Themen beschäftigt, um ein besseres Zusammenleben zu realisieren. Die, die das nicht taten und am System festhalten wollen, sind in Wirklichkeit die ärmeren.
  • Das schwedische Modell hat überhaupt nicht für eine Verbesserung der Lage der SexworkerInnen gesorgt
    Und ob es das hat. Das ist belegt, unstrittig und in den entsprechenden Quellen nachzulesen. Zum Beispiel hier. (Update: Der Link verwies auf einen Artikel von Mira Sigel auf dem Blog „Die Freiheitsliebe“. Die Autorin hat den Blog verlassen, sie war dem übrigen Team zu unbequem, und ihr Artikel wurde dort entfernt. Doch er ist nun hier wieder online.)
  • Für ProstitutionsgegnerInnen sind alle Männer potenzielle Freier
    Nein, denn sie wissen, dass es genug Männer gibt, die nicht im Traum daran denken, zu einer Prostituierten zu gehen oder sich Pornos anzusehen.
  • ProstitutionsgegnerInnen diskriminieren behinderte Menschen, weil sie ihnen das Recht auf Sex verwehren
    Erstens gibt es kein Recht auf Sex, und zweitens spricht es nicht für eine Gesellschaft, in der behinderte Menschen keine Gelegenheiten bekommen, erfüllende Beziehungen aufzubauen, weil sie ihrerseits als minderwertige Menschen diskriminiert werden. Die eine Gruppe diskriminierter Menschen (Behinderte) gegen die andere (Frauen) auszuspielen, gehört zu den menschenverachtendsten Praktiken in einem System, das aufgrund seiner Struktur für Ungleichheit sorgt.
  • Das Recht auf Sex ist ein Menschenrecht
    Nein, das ist es nicht. Kein Mensch hat ein Recht darauf, Sex zu haben, schon gar nicht gegen den Willen eines anderen. Er ist ein Geschenk und auch als solches zu betrachten. Genau wie eine Beziehung und die Liebe.
  • ProstitutionsgegnerInnen sind keine Feministinnen, weil sie anderen Menschen ihre Selbstbestimmtheit absprechen
    Ein immer wieder gern heraus geholtes Totschlagargument. Nein, sie wollen anderen Menschen nicht ihre Selbstbestimmtheit absprechen, weil sie wissen, dass jeder Mensch für seine Taten und Nichttaten selbst verantwortlich ist.
  • Es gibt einen Unterschied zwischen Prostitution und Pornographie
    Ja, und zwar diesen: Pornographie ist vor laufender Kamera aufgezeichnete Prostitution für ein Millionenpublikum.

Mir ist klar, dass ich mit meinen Richtigstellungen nicht die erreiche, die es betrifft. Man wird mir weiterhin Dinge unterstellen, die ich bisher noch nicht einmal geträumt habe, z. B. Heuchelei oder Scheinheiligkeit oder Bigotterie oder ähnliches. Neuerdings wirft man uns, den „radikalen Schwarzer- und AltfeministInnen“, sogar Hatespeech vor. Etwas, gegen das wir selbst auch ständig kämpfen. Aber wir sind der Solidarität anderer Frauen und FeministInnen nicht wert, weil wir die Fehler im System an der Wurzel bekämpfen wollen, anstatt uns mit diesem nur zu arrangieren.

Denn die weniger reflektierten Menschen arrangieren sich nur. Ohne es zu bemerken.

 

Moral ist das Gegenteil von Würde

In den heutigen Gesellschaften und Lebensgemeinschaften wird nach moralischen Werten gemessen, geurteilt oder bewertet. Moral definiert das Handeln nach bestimmten Konventionen und Regeln, die in einer Gesellschaft festgelegt und zum einen per Gesetz definiert sind, zum anderen über kulturelle Übereinstimmungen gelten. Alle Lebewesen einer Gesellschaft werden deshalb moralischen Werten unterworfen, nach denen sie sich zu richten haben und dies erfahrungsgemäß mehr oder weniger tun. Tun sie es nicht, entscheidet eine eigens dafür eingerichtete moralische und rechtliche Instanz darüber, ob und wie schwer sie dafür zu verurteilen sind. Wobei Recht und Moral nicht immer übereinstimmen müssen.

Doch Würde misst sich nicht an äußeren Maßstäben. Für Würde gibt es nur einen Maßstab, und der liegt im Inneren eines jeden Menschen und jeden Lebewesens. Würde ist der Maßstab. Jedes Lebewesen hat Würde inne. Sie ist nicht definierbar, weil sie ist was sie ist, aber spür- und fühlbar. In besonderer Achtsamkeit dem Leben gegenüber und indem es in vollem Ernst und in seiner Ganzheit angenommen wird, kommt Würde am deutlichsten zum Ausdruck. Dazu gehören alle Facetten des Lebens, Stärken, Schwächen, Begabungen, Krankheit, Geburt und Tod.

In dieser Gesellschaft wird aber die Moral mit Würde gern verwechselt, dabei schließen sie sich gegenseitig aus. Dies mag revolutionär klingen, wird heutzutage doch geglaubt, Würde und Moral seien ein und dasselbe oder Ähnliches oder haben direkt miteinander zu tun. Es wird geglaubt, die Moral müsse dafür sorgen, dass die Würde garantiert sei. Gäbe es keine Moral, so wird argumentiert, wäre die Gesellschaft anarchisch und somit würdelos. Doch das ist ein Irrtum: Die Würde ist die alleinige Instanz, die Anarchie im Sinne von lebenszerstörendem Chaos verhindert. Sie ist nicht umsonst in Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verankert. Doch unabhängig davon, ob in einem Gesetzestext der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ steht oder nicht: Würde ist uneinforderbar, uneinklagbar und unabsprechbar, denn sie steht automatisch allen Lebewesen zu. Sie ist das, was das lebende Wesen ausmacht, ja, was überhaupt erst das Alleinstellungsmerkmal all dessen ist, was lebt. Der Satz im Grundgesetz ist somit keine Weisung oder Ermächtigung oder Forderung: Er ist schlicht eine Feststellung. Und er steht da, damit wir uns immer wieder daran erinnern.

Kann eine Gesellschaft ohne Moral existieren, wenn sie sich ausschließlich auf die Würde ihrer Individuen stützen würde? Kritiker halten dagegen, ohne Moral gäbe es kein friedliches Zusammenleben, weil alle nur auf den eigenen Vorteil bedacht wären und somit die anderen in ihrem Sinne benutzen oder ausnutzen würden. Fehlende moralische Konventionen würden als Freifahrtschein missverstanden, sich zu „verwirklichen“ und egoistisch die eigenen Interessen auszuleben ohne Rücksicht auf andere. Doch Würde ist kein Freifahrtschein. Menschen, die in Würde handeln, brauchen keine moralischen Regeln, die ihnen sagen, wie sie so zu handeln haben, dass sie anderen nicht schaden. Sie wissen es automatisch, denn die Würde definiert das Sein ohne Bewertungen von außen. Wird das Leben nicht geachtet, wird die Würde verletzt.

Im patriarchalen und kapitalistischen System jedoch ist die Würde der Individuen in höchstem Maße gefährdet und wird tagtäglich auf allen Ebenen des Zusammenlebens verletzt. Im Kapitalismus geht es nicht um Menschen, sondern um Gewinnmaximierung, Marktoptimierung, Warenherstellung, Konsum, Kapitalanhäufung und das ewige Wirtschaftswachstum. Nun wird auch klar, warum die Moral in so einem System gebraucht wird: Weil die Menschen ihrer Würde beraubt werden, und zwar so sehr, dass sie sich ihrer gar nicht mehr bewusst sind. Es fehlt ihnen also der innere Halt, der innere Maßstab, als Mensch in dieser Gesellschaft zu existieren. Sie brauchen statt dessen den Halt der äußeren moralischen Maßstäbe. Es ist logisch: Wo es nur um Geld und Materialismus geht, geht es nicht um die Menschen und folglich auch nicht um ihre Würde.

Das Patriarchat indes sorgt seit tausenden Jahren dafür, dass die eine Hälfte der Menschheit die andere unterdrückt, ausbeutet, benachteiligt, benutzt, zum großen Teil inzwischen unbewusst (und von der Finanzlobby sogar gefördert), da wir alle in diese Welt hineingeboren wurden und somit mit den Konventionen aufgewachsen sind, die wir unhinterfragt verinnerlicht haben. Besonders deutlich wird das bei dem Thema Prostitution. Gerade an der derzeitigen unsäglichen Debatte um die Liberalisierung der Prostitution wird sehr deutlich, dass es mit der Würde in dieser Gesellschaft, in diesem Land nicht sehr weit her ist. Ganz egal, wie sehr die BefürworterInnen behaupten, die Frauen machten ihre „Arbeit“ selbstbestimmt und freiwillig: Sie machen es für Geld. Sie dienen dem Kapitalismus und dem Patriarchat, denn ohne gäbe es die Prostitution gar nicht. Prostitution hat mit Würde nicht das Geringste zu tun. Ich mag das hier nicht weiter ausführen, denn es ist alles bereits gesagt worden dazu.

Mit einem Theologen habe ich letztens darüber diskutiert, inwiefern Werte und Bewertungen im Zwischenmenschlichen wichtig sind. Er hielt es für sehr wichtig, meinte, der Mensch solle sogar sich und andere bewerten und beurteilen, aber dennoch stolz darauf sein was er sei. Dazu sage ich: Stolz ist auch ein Begriff, mit dem Würde gern verwechselt wird, doch er ist eng und beschränkt durch die Anhaftung an moralische Werte. Bewerten und Urteilen setzt immter einen Maßstab voraus. Ist Würde der Maßstab, erübrigt sich ein Bewerten.

Es gibt keinen Wert außer Würde. Es reicht zu sein.