Was Feminismus nicht ist

Kurzmitteilung

Feminismus ist nicht:

  • Männerhass
  • Besser sein zu wollen als die Männer
  • Genau so werden zu wollen wie die Männer
  • Dieselben Privilegien haben wollen wie die Männer
  • Sich mit dem Patriarchat arrangieren
  • Sich mit dem Kapitalismus arrangieren
  • Frauen als die besseren Menschen ansehen
  • Stereotype Rollenbilder leben
  • Sich nicht für die Menschen einsetzen, sondern für das System
  • Sich verbiegen für das System
  • Menschen nicht auf Augenhöhe begegnen
  • „Sexpositiv“ oder „sexnegativ“
  • falsche Selbstbestimmtheit und Freiheit innerhalb des Systems
  • Gleichmacherei
  • Geschlechterleugnung
  • Mütterbashing

Daraus ergibt sich ganz automatisch, was Feminismus also ist: Eine Bewegung, die das bestehende System in Frage stellt und abschaffen will (also vornehmlich das Patriarchat sowie den Kapitalismus), mit dem Ziel, respektvolle Augenhöhe zwischen den Geschlechtern (und allem, was dazwischen existiert) zu schaffen. Das ist alles.

Wird aber derzeit gerade von vielen Menschen, die sich FeministInnen nennen, völlig missverstanden. Die  kriegen das mit der Augenhöhe nicht hin, finden häppy Sexwörk toll oder, dass Geschlecht ausschließlich eine soziale Konstruktion ist.

 

Problematische Kommunikation: Patriarchalische Wurzeln

Vor zwei Jahren veröffentlichte ich meine ersten Blogartikel „Begegnung auf Augenhöhe“ und „Problematische Verhaltensweisen und Überzeugungen„. Heute resümiere ich, dass sich bisher nichts so sehr bewahrheitet hat wie die Erkenntnisse in diesen beiden Artikeln, und was sie mit dem Patriarchat zu tun haben.

Eine Bemerkung vorab: Meine Artikel basieren auf psychologischen Erkenntnissen, die ich durch meine eigenen Erfahrungen und Reflexionen bestätigt sehe. Es handelt sich hierbei tatsächlich um geltende Naturgesetze. Dass psychologische Erkenntnisse häufig als esoterisch und unwissenschaftlich abgetan und deshalb nicht ernst genommen, belächelt und ignoriert werden, liegt in der Natur der Sache: Es ist schwierig, die menschliche Psyche zu erforschen, weil es lange Zeit nichts zu messen gab, und die Psychologie hat sich in ihrer Entwicklungsgeschichte nicht gerade mit Ruhm bekleckert, wurden Menschen doch auf beschämendste Weise ihrer Würde beraubt, was ganz besonders Frauen betraf. Ihnen wurde zu Anfang die geistige Unterlegenheit gegenüber dem Mann diagnostiziert. Auch das ist selbstverständlich dem Patriarchat geschuldet. Im Grunde kann ein Mensch nur anfangen, sich selbst zu erforschen und die eigenen angelernten Überzeugungsmuster immer wieder an der Realität zu messen und zu überprüfen, und das gilt für Männer wie Frauen. Wer sich darin übt und die eigenen Sinne schärft, wird erkennen, dass vieles, was als wahr und gültig angenommen wurde und wird, korrigiert werden muss.

Mit dieser lange entwickelten Einstellung und offenen Augen sah ich mir ganz genau an, was in dieser Welt gerade passiert und auch passiert ist, und besonders, welche Rolle ich selbst darin spiele und spielte (im wahrsten Sinne des Wortes). Ich musste erkennen, dass ich und alle Menschen dieser Erde und dieser Zeit patriarchalisch sozialisiert und konditioniert sind. Nun, das ist wahrlich nichts neues, es gibt genügend Literatur zur Soziologie des Patriarchats, doch was bedeutet das? Die negativen Auswirkungen betreffen Männer wie Frauen, doch sind die Frauen als die unterdrückte Hälfte der Menschheit wesentlich stärker und prekärer davon betroffen. Selbst diese Tatsache musste ich mir erst einmal bewusst machen, denn ich habe die meiste Zeit meines Lebens geglaubt, ich sei voll emanzipiert und das Patriarchat sei abgeschafft oder löse sich gerade auf, wie auch manche Frauen, die derzeit ein Postpatriarchat postulieren, glauben. Dabei ist das Gegenteil der Fall, wir stecken noch bis zum Hals darin. Was wir tun können, dies zu ändern, ist u. a. die Menschheitsgeschichte neu zu reflektieren, was derzeit einige wenige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in Angriff nehmen, bisher jedoch von der herrschenden Lehrmeinung ignoriert bis diffamiert. Doch damit bringen sie lange geglaubte Irrtümer ans Licht, z. B. die (ideologisch geschürte und irrige) Annahme, es hätte in der Religion immer schon einen Urvater gegeben. Das Gegenteil ist der Fall, die längste Zeit hat die Menschheit die Urmutter verehrt, was archäologisch belegt ist. Auch ist das Dogma widerlegt, es hätte schon immer die heutige Kernfamilie gegeben, also Vater, Mutter, Kind, und dass diese Paarungsfamilie schon in Urzeiten für sich selbst gesorgt und gewirtschaftet hätte, der Mann als Beschützer und Ernährer der in der Höhle hausenden und sich höchstens zum Sammeln nach draussen begebenden Frau. Doch ist dieses Modell weitaus jüngeren Datums und ebenfalls im Patriarchat verwurzelt. Es wird heute als die Norm gelebt als Institution Ehe und ist die staatlich anerkannte und geförderte Lebensform. Dabei ist sie seit Jahrtausenden eine unnatürliche und aufgezwungene Lebensweise, die zu Lasten der Frauen ging. Das Bild des steinzeitlichen Mannes, der seine Frau als Beute an den Haaren in die Höhle schleppt, ist überholt und hat sich als falsch und ideologisch heraus gestellt. Die Menschen lebten friedlich in großen Gruppen mit um die 100 Individuen, es gab keine Hierarchie (also „Herrschaft“, woraus folgt, dass es auch kein „Matriarchat“ gab, also eine „Mütterherrschaft“ als Pendant zum Patriarchat, was „Väterherrschaft“ bedeutet, sondern eine egalitäre matrifokale Gesellschaftsform). Die Fakten dazu sind bestens erklärt bei z. B. Gabriele Uhlmann oder Gerhard Bott, auf die ich hier in diesem Artikel nicht weiter eingehen will, da ich sie mir selbst erst kürzlich angeeignet habe und mir noch längst nicht alle bekannt sind. Das würde den Rahmen meines Posts sprengen. Auch Kirsten Armbruster und Stephanie Gogolin haben zu dem Thema Matrifokalität gute und klare Artikel geschrieben, weshalb ich sie zum Einstieg bestens empfehlen kann.

Was haben nun die problematischen Verhaltensweisen, die ich immer wieder unter Menschen beobachte, und zwar nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch zwischen Frauen untereinander, mit der Soziologie des Patriarchats zu tun? Meine Beobachtung war: Ein liebevoller Umgang von Menschen untereinander ist selten gegeben. Statt dessen sind deutlich sichtbar: Machtstreben, Bedürftigkeit, Verantwortungslosigkeit sich selbst und anderen gegenüber, gepaart mit verletzten Selbstwertgefühlen und Minderwertigkeitskomplexen; das geht bis hin zur psychischen und verbalen Gewalt. Empathie und Mitgefühl sind mit der Lupe zu suchen und selten zu finden. Diese Beobachtung kann jede Frau und jeder Mann machen, doch dazu ist es notwendig, genau hinzusehen (bzw. überhaupt hinzusehen, denn das tun einige selbst bei offensichtlichsten Gegebenheiten nicht).

Erika J. Chopich und Margaret Paul schreiben in ihrem Selbsthilfebuch „Aussöhnung mit dem inneren Kind“ (Ullstein, 1990, 24. Auflage 2007) im Vorwort:

„Unsere Gesellschaft befindet sich in einer tiefen spirituellen Krise, denn wir haben vor Tausenden von Jahren, noch bevor Jesus Christus auf die Welt kam, den falschen Weg eingeschlagen: Wir haben den Kontakt zu unseren Herzen verloren.“

Damit bringen sie das Elend, das in dieser Welt „herrscht“ (wortwörtlich), auf den Punkt, und es kann ergänzt werden: Das Patriarchat ist die Ursache allen Übels auf diesem Planeten seit der neolithischen (jungsteinzeitlichen) Revolution (der Wikipedia-Artikel bedarf dringender Überarbeitung, denn er ist, wie vieles zu diesem Thema, patriarchal kontaminiert). Um das Übel also abzuschaffen, müssen die Menschen wieder lernen, „in Kontakt mit ihren Herzen“ zu gehen. Das beinhaltet nichts anderes, als sich selbst, der angelernten Überzeugungen und Verhaltensweisen, Annahmen und Tabus bewusst zu werden. Nur das, was bewusst ist, kann gesehen und damit auch geändert werden. Wer den Weg in sein Inneres geht, und nur dorthin führt eine wirkliche Veränderung, nicht ins Außen, lernt sich selbst kennen, spüren, fühlen, und erlangt auf diesem Weg die Fähigkeit, andere zu spüren, ein Gefühl und Mitgefühl für sie zu entwickeln.

Die Realität sieht indes anders aus. Die meisten Menschen machen sich nicht die Mühe und sehen auch keinen Anlass, sich selbst zu hinterfragen, sondern werten und beurteilen andere Menschen aufgrund ihrer anerzogenen (unbewussten) Verhaltensweisen und Überzeugungen. Auch ist es üblich geworden, nicht von sich selbst zu reden (dabei kann ein Mensch ja nur von sich, also von der eigenen Perspektive aus, reden), sondern lieber über andere, und auch nicht mit ihnen. Es handelt übergriffig, wer über andere urteilt, die Aussagen anderer be- oder abwertet, im eigenen Sinne interpretiert, ganz genau zu wissen glaubt, wie andere ticken, funktionieren, was sie denken, was bei ihnen los ist und sie aufgrund dieser Annahmen mit einer psychologischen Diagnose kategorisieren. Daraus resultieren nicht selten entsprechende ungefragte und ungebetene Ratschläge. Übergriffe sind eine Eingemeindung anderer Personen in die eigenen Ansichten, Überzeugungen, Standpunkte und Annahmen, kurz: Eine Kolonialisierung.

In welchem System hat Kolonialisierung ihren Ursprung? Im Patriarchat.

Doch wie wollen wir das Patriarchat überwinden, wenn wir selbst ständig dabei sind, uns der ungesunden Praktiken, die zu dem bestehenden (unnatürlichen) gesellschaftlichen System geführt haben, auch im Zwischenmenschlichen zu bedienen? Zeigt es nicht einfach nur deutlich, wie tief wir alle noch im Patriarchat stecken, und zwar unbewusst, und dass die einzige Möglichkeit, sich die Dinge bewusst zu machen und damit zu ändern, das Sich-Hinterfragen ist? Wo wollen wir anfangen, dieses Gesellschaftssystem, das uns allen so massiv schadet, abzuschaffen, wenn wir nicht bei uns selbst anfangen? Ja, bei uns selbst, auch bei dir, der/die du jetzt diese Zeilen liest!

Um Missverständnissen vorzubeugen: Sich die o. g. Verhaltensweisen abzugewöhnen beinhaltet NICHT, keine Kritik mehr üben zu dürfen oder zu können. Kritik an den ideologischen Dogmen der WissenschaftlerInnen, der Kirche, der Politik etc. ist selbstverständlich notwendig und richtig. Ebenso beinhaltet „auf Augenhöhe“ NICHT, dass zwei Menschen denselben Wissensstand haben, oder sogar den selben Erfahrungshintergrund. Jeder Mensch macht eigene Erfahrungen und hat unterschiedliches Wissen und darauf basierend einen eigenen Erkenntnisstand, so dass es in diesen Punkten niemals eine Übereinstimmung geben kann. Wir sind unterschiedlich in vielen Dingen. Doch das Begegnen auf Augenhöhe geschieht zutiefst in dem Wissen und der Überzeugung, dass wir Menschen und auch alle Lebewesen auf diesem Planeten in all ihrer Vielfalt eins sind mit der Natur. Wollen wir die fortschreitende Zerstörung der Natur, des Planeten und all der Spezies darauf stoppen, müssen wir lernen, unsere Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl, die uns im Alltag allzuoft abhanden gekommen ist, zu reaktivieren. Und zwar dringend, bevor es zu spät ist.

Wenn es das nicht schon ist.

Der Täterschutz der deutschen Justiz

Meine Begegnung mit der deutschen Justiz ist schon ein paar Jahre her, und eigentlich (dieses Wort gehört „eigentlich“ aus dem Wortschatz gestrichen) wollte ich mein Erlebnis, nachdem ich es aber dennoch öfters in Kommentaren oder Facebookposts geschildert habe, einfach begraben. Die Reaktionen darauf waren dürftig bis verständnislos, und so ließ ich es tatsächlich irgendwann auf sich beruhen. Erlebt, damit nicht klar gekommen, aber ohnehin nix ändern können, sollte ich also den Deckel drauf legen. Aber ich kann es bis heute nicht, und mir ist auch endlich klar warum.

Jedenfalls lag es nicht daran, dass ich zu empfindlich bin, dass ich Dinge nicht abschließen kann, dass ich nicht „erwachsen“ oder souverän genug bin, mit Niederlagen umzugehen, oder dass ich immer alles auf mich beziehe. Oder dass ich kleinkariert sei oder mir nicht klar sei, dass das, was ich erlebt habe, ein Pipifax ist gegen die Ungerechtigkeiten, die Menschen tagtäglich erleben müssten. Ja, es stimmt, es ist ein Pipifax dagegen. Aber es steht für sehr problematische Strukturen und Handlungsstandards in dieser Gesellschaft. Sie zu durchbrechen kann nur geschehen, wenn sie bewusst gemacht werden. Deshalb erzähle ich hier meine Geschichte noch einmal in aller Öffentlichkeit.

Ich bin verurteilt worden. Eine Verurteilung „nur“ mit Strafandrohung. Keine Vorstrafe also. Dennoch ein gerichtlich gesprochenes Urteil. Ein Urteil, das falsch ist. Denn der wahre Täter kam straffrei davon.

Was war passiert? Ich hatte einen Verkehrsrowdy angezeigt, der auf einer Schnellstraße versucht hatte zu verhindern, dass ich ihn überhole. Er beschleunigte auf der rechten Spur, während ich versuchte, ihn links zu überholen, er bremste mich aus, als ich mich daraufhin hinter ihm auf die rechte Spur begab, und als ich es trotzdem geschafft hatte, ihn zu überholen, rächte er sich durch massives dichtes Auffahren und Drängeln und Schneiden. Das war einfach zu viel, das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen und so erstattete ich noch am selben Tag bei der Polizeiwache Anzeige gegen den Fahrer des Fahrzeuges, dessen Nummer ich mir gut gemerkt hatte.

Ein paar Wochen später bekam ich ebenfalls eine Anzeige von ihm wegen Nötigung und Beleidigung. Ich hätte ihm einen Vogel und den Stinkefinger gezeigt. Das wog für die deutsche Justiz schwerer als Drängeln und Ausbremsen und verkehrsgefährdendes Verhalten. Denn das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt mit der Begründung, dass Aussage gegen Aussage stünde, die Aussicht auf Erfolg sei zu gering. Das Verfahren gegen mich schien aber nicht so aussichtslos zu sein, auch wenn die selben Vorraussetzungen galten, nämlich Aussage gegen Aussage. Es gab keine weiteren Zeugen.

Ich legte Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens gegen meinen Gegner ein, die ich aber später zurück nahm auf Anraten meiner Anwältin. Das Gericht lud mich nämlich zu einer Hauptverhandlung ein in Gegenwart des „Zeugen“, also des Täters, vor dem ich aussagen sollte. Schließlich war ich hier die Beklagte. Allein diese Verdrehung der Tatsachen war für mich schlicht nicht zu ertragen, und es ging mir aus anderen Gründen zu der Zeit noch ziemlich schlecht. So zog meine Anwältin „aus taktischen Gründen“, wie sie mir versicherte, die Beschwerde kurz vor der Verhandlung zurück. Sie meinte, das sei richtig so, weil es mir zu der Zeit nicht gut ging. Es war nicht meine Entscheidung, weil ich gerne die Wahrheit klar gestellt hätte. Doch so blieb mir dieser Gerichtstermin immerhin erspart.

Die Entscheidung von der Staatsanwaltschaft bekam ich erst zu erfahren, als das gerichtliche Verfahren gegen mich abgeschlossen war, also ca. ein 3/4 Jahr später. Die Begründung hat mich schlicht umgehauen: Durch meine Rücknahme der Beschwerde gegen das Urteil gegen mich hätte ich die Vorwürfe eingeräumt, und die Staatsanwältin schrieb in ihrer Begründung, dass meine Glaubwürdigkeit dadurch anzuzweifeln ist. Die Strafe besteht also, und die Gerichtskosten musste ich tragen. Fast ein Jahr nach meiner Anzeige.

Dass der Satz „Aussage gegen Aussage“ keineswegs immer gleich ausgelegt wird und warum, ist mir erst in den letzten Jahren klar geworden, als ich mich mit dem in Deutschland vorherrschenden Sexismus beschäftigte, und die daraus resultierende Problematik, dass Vergewaltigungsopfer die Tat nicht anzeigen, weil sie danach massiver Opferbeschuldigung ausgesetzt sind. Es wird ihnen per se Unglaubwürdigkeit und die Absicht unterstellt, den Täter vorsätzlich falsch zu beschuldigen. Vorerst war ich einfach nur irritiert darüber, nun ist es mir klar: Die deutsche Justiz betreibt einen offensichtlichen Täterschutz, besonders dann, wenn der Täter ein Mann und das Opfer eine Frau ist. Dabei muss es sich noch nicht einmal um eine Vergewaltigungstat handeln. Ich bin in diesem Staat verurteilt worden aufgrund einer „Zeugenaussage“, die erstunken und erlogen war und weder von anderen bestätigt noch bewiesen worden ist. Ohne je persönlich befragt worden zu sein, ohne je im Gerichtssaal gewesen zu sein, ohne jemals den Richter kennen gelernt zu haben, der mich verurteilt hat. Nur schriftlich. Ein gelber Brief mit der Post zugestellt verkündete das Urteil, fertig aus.
Wer das noch nicht erlebt hat, der weiß nicht wie es sich anfühlt, wenn an der Tür ein Postbote steht, einen gelben Brief zückt, eine Unterschrift verlangt und dein entsetztes Erstaunen mit den Worten „Da habe ich nichts mit zu tun“ kommentiert.

Aber es wurde stets an meine Gelassenheit appelliert, ich solle es einfach hinnehmen. Dabei kommen die wirklich problematischen Verhaltensweisen immer dann zum Vorschein, wenn ich von meinem Erlebnis erzähle. Es wird abgewiegelt, herunter gespielt, nicht ernst genommen. Meine Anwältin sagte, nach dem ich ihr einmal zu oft meine Fassungslosigkeit kund tat, nun sei es doch mal an der Zeit, damit souverän umzugehen, meinen Sie nicht? Gerade im Verkehrsrecht sei so vieles ungerecht und unklar. „Oder nehmen Sie den Fall Kachelmann, da behauptet so eine Tussi, ‚der hat mich vergewaltigt‘!“ Sinngemäß, aber den letzten Satz sagte sie mit Kleinmädchenstimme. Tja, genau. Tussis, die einfach so eine Tat vortäuschen und sich dann auch noch trauen, diese vorgetäuschte Tat anzuzeigen. Wie abgrundtief hinterfotzig! Und solchen Tussis haben Sie es zu verdanken, dass Sie nicht für glaubwürdig gehalten werden, Sie könnten ja auch so eine sein, wer weiß! Sie wurden zwar verurteilt, aber nicht schlimm, nur wegen Beleidigung, und dann auch nur mit Strafandrohung, falls Sie das innerhalb der nächsten zwei Jahre noch einmal tun. Deal with it.

Pipifax? Nein. Ein Skandal.

 

Das Pro-Prostitutions-Bullshit-Bingo

Heutzutage ist es für die junge Generation der FeministInnen en vogue, sich für Prostitution einzusetzen. Und zwar für Prostitution, nicht etwa nur für die Prostituierten. Die Gründe: Diese brauchen natürlich die Prostitution, um ihrem Beruf nachgehen zu können. Würde die Prostitution verboten oder auch nur der Kauf von sexuellen Dienstleistungen, wäre damit den SexworkerInnen die Lebensgrundlage entzogen. Deshalb versteht es sich von selbst, sich also dafür einzusetzen, dass die SexworkerInnen bessere Arbeitsbedingungen erhalten, dass die Stigmatisierung ein Ende hat und dass selbstverständlich jede Frau das Recht auf Selbstbestimmtheit genießt, wenn es um ihren Körper geht. Das gilt sowohl für die Ausübung als selbstbestimmte SexworkerIn im Prostitutionsgewerbe als auch für z. B. PornodarstellerInnen.

So oder ähnlich wird immer wieder argumentiert. Ich unterstelle den Anhängern dieser Argumente noch nicht einmal, dass sie nicht nur das Beste wollen. Dennoch halte ich all diese Argumente für auf Sand gebaut, denn sie übersehen sehr wichtige Dinge, die für das Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft elementar sind: Prostitution ist per se würdelos, weil sie Gewalt und Missbrauch von Menschen beinhaltet. Das gilt genau so für die Pornographie.

Doch wehe, man vertritt heutzutage die klare Ansicht, dass Prostitution würdelos und unmenschlich ist: Es ist zwar unglaublich, aber ausgerechnet die, die sich liberale FeministInnen nennen, behandeln eine dann plötzlich wie Aussätzige, Abartige, Kranke. Das geht mit Unterstellungen los, erweitert sich über Schmähungen und Drohungen und hört bei Blocken und Ausschluss nicht auf.

Ich habe hier einmal die Schlagworte, Behauptungen, Projektionen und Unterstellungen gesammelt, mit denen ich mich, seit ich meine Position gegen Prostitution deutlich gemacht habe, immer wieder konfrontiert sehe, und stelle sie gleichzeitig richtig:

  • ProstitutionsgegnerInnen sind alle HurenhasserInnen
    Richtig ist: ProstitutionsgegnerInnen lehnen das System Prostitution ab, nicht die Menschen, die sie ausüben. Im Gegenteil: Indem sie sich dafür einsetzen, das System zu kippen, setzen sie sich automatisch auch für die Prostituierten ein. Das hört die Lobby aber nicht gern, weil sie das System erhalten will, denn es ist gerade in Deutschland ein sehr lukratives Geschäft. Und zwar zuletzt für die unmittelbar Betroffenen, die Prostituierten.
  • Dass es nur wenige selbstbestimmte und zufriedene SexworkerInnen gibt, ist eine Lüge!
    Richtig ist: Höchstens 5-10% aller Prostituierten arbeiten tatsächlich freiwillig und selbstbestimmt und verdienen darüber hinaus auch noch gut. Der weitaus größte Teil lebt in prekären Verhältnissen und will vor allem eines: Raus aus der Prostitution.
  • Ihr wollt nicht mit uns (den ProstitutionsbefürworterInnen) diskutieren? Das zeigt ganz deutlich eure Verachtung für die SexworkerInnen!
    Richtig ist: Diskussionen erwiesen sich immer wieder als frucht- und sinnlos. Das nervt.
  • Der Schwarzer-Feminismus ist rückständig und paternalistisch
    Nein. Er ist etabliert, weitsichtig und setzt sich seit Jahrzehnten für die Gleichstellung aller Frauen in der Gesellschaft ein. Ich betone: Aller Frauen.
  • ProstitutionsgegerInnen sind nur selbsternannte FeministInnen
    Ja, natürlich. Alle FeministInnen sind selbsternannt, haben sich dafür entschieden, sich im Feminismus zu engagieren. Ich kenne jedenfalls keine Instanz, die jemandem die Bezeichnung „FeministIn“ explizit verleiht.
  • ProstitutionsgegnerInnen sind sexnegativ und haben grundsätzlich eine Abneigung gegen oder ein Problem mit Sex
    Richtig ist: ProstitutionsgegnerInnen haben überhaupt kein Problem mit Sex. Nur mit Sex gegen Geld. Sobald Geld ins Spiel kommt, kann von konsensualem Sex keine Rede mehr sein. Das Problem mit Sex haben in Wirklichkeit jene, die glauben, sich erfüllenden Sex kaufen zu können.
  • ProstitutionsgegnerInnen wollen SexworkerInnen bevormunden und „retten“
    Nein. Wollen sie nicht.
  • Sexarbeit ist eine Arbeit wie jede andere auch
    Nein, das ist sie nicht. Das Wort „Sexarbeit“ ist ein schlimmer Euphemismus: Es verharmlost das, was damit gemeint ist: Prostitution. Und Prostitution ist Gewalt und Missbrauch. Viele Prostituierte, besonders viele ehemalige und überlebende, lehnen diesen Begriff deshalb auch vehement ab.
  • Den ProstitutionsgegnerInnen geht es nur um Verbote
    Nein, es geht ihnen um eine Gesellschaft, die ohne Prostitution auskommt.
  • Kriminalisierung, auch der Freier, ist Murks
    Solange dem Markt nicht anders der Sumpf trocken gelegt werden kann, ist es am naheliegensten, jene zu kriminalisieren und zu bestrafen, die den Markt erst möglich machen.
  • Wer Freier kriminalisiert, entzieht den SexworkerInnen die Lebensgrundlage
    Nein, sondern verhilft ihnen, da der Markt immer weniger nachgefragt wird, zu einer realen Chance, aus der Prostitution auszusteigen.
  • Ihr denkt ja alle nur in Schubladen!
    Und ihr erst mal!
  • ProstitutionsgegnerInnen sind ganz arme verklemmte prüde Menschen
    Richtig ist: Sie haben sich viele Gedanken zum Thema Prostitution gemacht, sich intensiv mit dem Thema und auch mit anderen gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Themen beschäftigt, um ein besseres Zusammenleben zu realisieren. Die, die das nicht taten und am System festhalten wollen, sind in Wirklichkeit die ärmeren.
  • Das schwedische Modell hat überhaupt nicht für eine Verbesserung der Lage der SexworkerInnen gesorgt
    Und ob es das hat. Das ist belegt, unstrittig und in den entsprechenden Quellen nachzulesen. Zum Beispiel hier. (Update: Der Link verwies auf einen Artikel von Mira Sigel auf dem Blog „Die Freiheitsliebe“. Die Autorin hat den Blog verlassen, sie war dem übrigen Team zu unbequem, und ihr Artikel wurde dort entfernt. Doch er ist nun hier wieder online.)
  • Für ProstitutionsgegnerInnen sind alle Männer potenzielle Freier
    Nein, denn sie wissen, dass es genug Männer gibt, die nicht im Traum daran denken, zu einer Prostituierten zu gehen oder sich Pornos anzusehen.
  • ProstitutionsgegnerInnen diskriminieren behinderte Menschen, weil sie ihnen das Recht auf Sex verwehren
    Erstens gibt es kein Recht auf Sex, und zweitens spricht es nicht für eine Gesellschaft, in der behinderte Menschen keine Gelegenheiten bekommen, erfüllende Beziehungen aufzubauen, weil sie ihrerseits als minderwertige Menschen diskriminiert werden. Die eine Gruppe diskriminierter Menschen (Behinderte) gegen die andere (Frauen) auszuspielen, gehört zu den menschenverachtendsten Praktiken in einem System, das aufgrund seiner Struktur für Ungleichheit sorgt.
  • Das Recht auf Sex ist ein Menschenrecht
    Nein, das ist es nicht. Kein Mensch hat ein Recht darauf, Sex zu haben, schon gar nicht gegen den Willen eines anderen. Er ist ein Geschenk und auch als solches zu betrachten. Genau wie eine Beziehung und die Liebe.
  • ProstitutionsgegnerInnen sind keine Feministinnen, weil sie anderen Menschen ihre Selbstbestimmtheit absprechen
    Ein immer wieder gern heraus geholtes Totschlagargument. Nein, sie wollen anderen Menschen nicht ihre Selbstbestimmtheit absprechen, weil sie wissen, dass jeder Mensch für seine Taten und Nichttaten selbst verantwortlich ist.
  • Es gibt einen Unterschied zwischen Prostitution und Pornographie
    Ja, und zwar diesen: Pornographie ist vor laufender Kamera aufgezeichnete Prostitution für ein Millionenpublikum.

Mir ist klar, dass ich mit meinen Richtigstellungen nicht die erreiche, die es betrifft. Man wird mir weiterhin Dinge unterstellen, die ich bisher noch nicht einmal geträumt habe, z. B. Heuchelei oder Scheinheiligkeit oder Bigotterie oder ähnliches. Neuerdings wirft man uns, den „radikalen Schwarzer- und AltfeministInnen“, sogar Hatespeech vor. Etwas, gegen das wir selbst auch ständig kämpfen. Aber wir sind der Solidarität anderer Frauen und FeministInnen nicht wert, weil wir die Fehler im System an der Wurzel bekämpfen wollen, anstatt uns mit diesem nur zu arrangieren.

Denn die weniger reflektierten Menschen arrangieren sich nur. Ohne es zu bemerken.

 

Moral ist das Gegenteil von Würde

In den heutigen Gesellschaften und Lebensgemeinschaften wird nach moralischen Werten gemessen, geurteilt oder bewertet. Moral definiert das Handeln nach bestimmten Konventionen und Regeln, die in einer Gesellschaft festgelegt und zum einen per Gesetz definiert sind, zum anderen über kulturelle Übereinstimmungen gelten. Alle Lebewesen einer Gesellschaft werden deshalb moralischen Werten unterworfen, nach denen sie sich zu richten haben und dies erfahrungsgemäß mehr oder weniger tun. Tun sie es nicht, entscheidet eine eigens dafür eingerichtete moralische und rechtliche Instanz darüber, ob und wie schwer sie dafür zu verurteilen sind. Wobei Recht und Moral nicht immer übereinstimmen müssen.

Doch Würde misst sich nicht an äußeren Maßstäben. Für Würde gibt es nur einen Maßstab, und der liegt im Inneren eines jeden Menschen und jeden Lebewesens. Würde ist der Maßstab. Jedes Lebewesen hat Würde inne. Sie ist nicht definierbar, weil sie ist was sie ist, aber spür- und fühlbar. In besonderer Achtsamkeit dem Leben gegenüber und indem es in vollem Ernst und in seiner Ganzheit angenommen wird, kommt Würde am deutlichsten zum Ausdruck. Dazu gehören alle Facetten des Lebens, Stärken, Schwächen, Begabungen, Krankheit, Geburt und Tod.

In dieser Gesellschaft wird aber die Moral mit Würde gern verwechselt, dabei schließen sie sich gegenseitig aus. Dies mag revolutionär klingen, wird heutzutage doch geglaubt, Würde und Moral seien ein und dasselbe oder Ähnliches oder haben direkt miteinander zu tun. Es wird geglaubt, die Moral müsse dafür sorgen, dass die Würde garantiert sei. Gäbe es keine Moral, so wird argumentiert, wäre die Gesellschaft anarchisch und somit würdelos. Doch das ist ein Irrtum: Die Würde ist die alleinige Instanz, die Anarchie im Sinne von lebenszerstörendem Chaos verhindert. Sie ist nicht umsonst in Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verankert. Doch unabhängig davon, ob in einem Gesetzestext der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ steht oder nicht: Würde ist uneinforderbar, uneinklagbar und unabsprechbar, denn sie steht automatisch allen Lebewesen zu. Sie ist das, was das lebende Wesen ausmacht, ja, was überhaupt erst das Alleinstellungsmerkmal all dessen ist, was lebt. Der Satz im Grundgesetz ist somit keine Weisung oder Ermächtigung oder Forderung: Er ist schlicht eine Feststellung. Und er steht da, damit wir uns immer wieder daran erinnern.

Kann eine Gesellschaft ohne Moral existieren, wenn sie sich ausschließlich auf die Würde ihrer Individuen stützen würde? Kritiker halten dagegen, ohne Moral gäbe es kein friedliches Zusammenleben, weil alle nur auf den eigenen Vorteil bedacht wären und somit die anderen in ihrem Sinne benutzen oder ausnutzen würden. Fehlende moralische Konventionen würden als Freifahrtschein missverstanden, sich zu „verwirklichen“ und egoistisch die eigenen Interessen auszuleben ohne Rücksicht auf andere. Doch Würde ist kein Freifahrtschein. Menschen, die in Würde handeln, brauchen keine moralischen Regeln, die ihnen sagen, wie sie so zu handeln haben, dass sie anderen nicht schaden. Sie wissen es automatisch, denn die Würde definiert das Sein ohne Bewertungen von außen. Wird das Leben nicht geachtet, wird die Würde verletzt.

Im patriarchalen und kapitalistischen System jedoch ist die Würde der Individuen in höchstem Maße gefährdet und wird tagtäglich auf allen Ebenen des Zusammenlebens verletzt. Im Kapitalismus geht es nicht um Menschen, sondern um Gewinnmaximierung, Marktoptimierung, Warenherstellung, Konsum, Kapitalanhäufung und das ewige Wirtschaftswachstum. Nun wird auch klar, warum die Moral in so einem System gebraucht wird: Weil die Menschen ihrer Würde beraubt werden, und zwar so sehr, dass sie sich ihrer gar nicht mehr bewusst sind. Es fehlt ihnen also der innere Halt, der innere Maßstab, als Mensch in dieser Gesellschaft zu existieren. Sie brauchen statt dessen den Halt der äußeren moralischen Maßstäbe. Es ist logisch: Wo es nur um Geld und Materialismus geht, geht es nicht um die Menschen und folglich auch nicht um ihre Würde.

Das Patriarchat indes sorgt seit tausenden Jahren dafür, dass die eine Hälfte der Menschheit die andere unterdrückt, ausbeutet, benachteiligt, benutzt, zum großen Teil inzwischen unbewusst (und von der Finanzlobby sogar gefördert), da wir alle in diese Welt hineingeboren wurden und somit mit den Konventionen aufgewachsen sind, die wir unhinterfragt verinnerlicht haben. Besonders deutlich wird das bei dem Thema Prostitution. Gerade an der derzeitigen unsäglichen Debatte um die Liberalisierung der Prostitution wird sehr deutlich, dass es mit der Würde in dieser Gesellschaft, in diesem Land nicht sehr weit her ist. Ganz egal, wie sehr die BefürworterInnen behaupten, die Frauen machten ihre „Arbeit“ selbstbestimmt und freiwillig: Sie machen es für Geld. Sie dienen dem Kapitalismus und dem Patriarchat, denn ohne gäbe es die Prostitution gar nicht. Prostitution hat mit Würde nicht das Geringste zu tun. Ich mag das hier nicht weiter ausführen, denn es ist alles bereits gesagt worden dazu.

Mit einem Theologen habe ich letztens darüber diskutiert, inwiefern Werte und Bewertungen im Zwischenmenschlichen wichtig sind. Er hielt es für sehr wichtig, meinte, der Mensch solle sogar sich und andere bewerten und beurteilen, aber dennoch stolz darauf sein was er sei. Dazu sage ich: Stolz ist auch ein Begriff, mit dem Würde gern verwechselt wird, doch er ist eng und beschränkt durch die Anhaftung an moralische Werte. Bewerten und Urteilen setzt immter einen Maßstab voraus. Ist Würde der Maßstab, erübrigt sich ein Bewerten.

Es gibt keinen Wert außer Würde. Es reicht zu sein.

Bewusstsein und Wachheit

Jemand bescheinigte mir letztens, dass zwischen mir und ihm die Augenhöhe nicht gewährleistet sei, weil ich ihm auf bestimmten Themengebieten einen anderen Status als meinen eigenen zugeschrieben habe, in diesem Fall schlafend, während ich mich selbst dort als wach erlebe.

Ja, es stimmt. Die Augenhöhe ist in dem Fall nicht gegeben. Ich habe gelernt, dass es manchmal so ist, dass Augenhöhe dort nicht möglich ist, wo der Bewusstseinsstand zweier Menschen auf bestimmten Gebieten unterschiedlich ist. Das ist aber gar keine Wertung. Schlafend bedeutet ja nichts schlechtes, es bedeutet nur, bestimmte Dinge noch gar nicht sehen zu können, weil man eben schläft. Schlafen ist auch notwendig. Ohne den Schlaf kann sich ein Mensch nicht erholen, kann nicht träumen, kann keine Kraft schöpfen für die Zeit, in der er aufgewacht ist.

Eine Metapher: Ein Apfel ist auch nicht sofort nach der Bestäubung reif, er muss erst wachsen und Farbe bekommen und Fruchtfleisch ansetzen und Süße entwickeln. Wenn er dann reif ist, fällt er ganz von allein vom Baum. Vielleicht auch, wenn jemand den Baum schüttelt, aber nur, wenn der Apfel reif genug ist.

Jemand, der noch schläft, wird ganz von allein aufwachen. Vielleicht auch, wenn ihn jemand wachrüttelt, aber nur, wenn er wirklich ausgeschlafen ist. Sobald er aufgewacht ist auf einem bestimmten Gebiet, wird ihm dies sofort bewusst. Ein Schlafender ist sich seines Zustandes nicht bewusst. Diesen Moment des Aufwachens kennt jeder, der mal ein so genanntes Aha-Erlebnis hatte, dem vom einem auf den anderen Augenblick plötzlich eine Sache klar wurde. Das ist völlig unspektakulär, aber genau so funktioniert es mit dem Wach- und Bewusstwerden.

Nun hat sich aber eine Sache geändert: Schlafende, unbewusste Menschen können wache nicht erkennen. Aber umgekehrt ist das sehr wohl der Fall. Jemand, dem eine Sache bewusst geworden ist, nimmt unweigerlich einen neuen Standpunkt ein, eine neue Sicht der Dinge. Er hat mehr Weitsicht gewonnen und kann nun Dinge sehen, die er vorher nicht sah und die andere immer noch nicht sehen können bis zu dem Zeitpunkt, an dem auch sie aufwachen.

Leider ist es oft so, dass die Menschen, denen etwas bewusst geworden ist, von jenen, die noch unbewusst sind, dafür diffamiert werden. Bewusste Menschen können die unbewussten durchschauen. Das spüren sie und es ist ihnen unangenehm, weil ihnen dadurch Spiegel vorgehalten werden. Sie können und wollen aber (noch) nicht ihr eigenes Spiegelbild ansehen. Sie wissen auch nicht, dass bewusste Menschen ihnen nur ihr eigenes Verhalten oder ihren Zustand spiegeln, sie wissen nicht, dass sie nur ihr eigenes Spiegelbild betrachten. Oft ist dieser Anblick für sie schwer zu ertragen, denn es ist der Teil von sich, den sie an sich selbst verachten und verurteilen. Deshalb weisen sie es weit von sich und projizieren diesen Anteil, dieses Defizit, auf die Spiegel um sich herum. Es ist also für bewusste Menschen oft sehr unschön, unbewussten Menschen ihre eigene Unbewusstheit, ihr eigenes Schlafen, zu spiegeln, weil sie sehr oft heftigen Abwehrreaktionen ausgesetzt werden. Nur selten reagieren Menschen mit Innehalten, Einkehr und Einsicht und werden so selbst zu bewussten Menschen.

Ein konkretes Beispiel dazu: Jahrelang war ich Mitglied einer therapeutisch geleiteten Frauengruppe. Durch diese wurde ich immer bewusster, erkannte ich immer mehr mich selbst, konnte meine angelernten Überzeugungen erkennen, hinterfragen und schließlich ablegen. Ich konnte Dinge aktivieren und reaktivieren, die ich mir niemals hätte träumen lassen.

Den anderen Frauen ging es sicher in ihren Bereichen auch so. Nun kam aber die Zeit, in der ich spürte, dass ich die Gruppe nicht mehr brauchte. Ich merkte, nun habe ich Laufen gelernt und ich kann jetzt allein gehen. Als ich so darüber nachdachte, tauchte vor meinem inneren Auge ein Bild, eine Art Vision auf. Ich sah mich und die anderen Frauen in der Runde auf einer grünen Wiese, doch jede von uns saß in einem Käfig. Bei der einen war die Tür einen Spalt offen, bei der anderen war sie noch fest zu, wieder eine andere rüttelte an der Tür, und bei einer war die Tür weit offen, aber sie saß noch drin. Nur ich war schon aus dem Käfig herausgekommen und stand neben ihm. Ich sah noch einmal in die Runde und wendete mich dann ab, dem weiten Horizont entgegen.

Dieses Bild war nichts anderes als eine Metapher für den Ist-Zustand der Gruppe, bzw. meinen eigenen Zustand innerhalb der Gruppe. Ich beschrieb das Bild an einem Gruppenabend zusammen mit meiner Erklärung, nun aufhören zu wollen.

Die Reaktionen waren heftig, sehr heftig zum Teil, und ich hatte nicht mit ihnen gerechnet. Der Hauptvorwurf, den ich mir anhören musste, war der, wie ich so vermessen sein könne, sie in Käfige zu stecken. Eine bescheinigte mir, wie arrogant und überheblich ich doch sei und wie anmaßend, die ich doch selber im Käfig säße, so etwas zu behaupten. Für mich war das der letzte Abend in dieser Gruppe gewesen, ich ging nie wieder hin.

Später fragte ich mich, ob es richtig war, meine Vision zu erzählen oder ob ich sie lieber für mich behalten hätte. Es hätte für mich sicher ein angenehmeres Ende bedeutet. Doch heute denke ich, es war gut, dass ich sie erzählte, denn jede hatte nun die Chance, sich mit diesem Bild auseinander zu setzen. Hätte ich es nicht geschildert, hätten die anderen Frauen von ihrem Zustand weniger gewusst. Denn Fakt war: Nicht ich hatte die Frauen in die Käfige gesteckt, sie saßen schon drin! Ich beschrieb einfach nur, was ich sah. Dafür, dass die anderen in ihren Käfigen saßen, waren sie selbst verantwortlich.

Ich selbst weiß heute, dass ich, wenn das Leben mir übel mitspielt, gern wieder freiwillig in meinen Käfig setze, um mich zu schützen. Doch wenn die Großwetterlage sich gebessert hat, komme ich auch wieder hervor gekrochen ;-).