Ist das Aufzeigen der Wahrheit übergriffig?

Oder: Ist Verdrängung heilsam?

Ich werde des öfteren mit dem Hinweis konfrontiert, dass das Mitteilen und Zeigen unangenehmer, harter bis zu grausamer Fakten, also der Wahrheit, ein Übergriff auf andere ist, um diese zu demütigen, bloßzustellen oder vorzuführen. In meiner grauen Blogvorzeit habe ich einen Artikel über übergriffige Menschen geschrieben, den leite ich mit folgenden Worten ein: „Übergriffige Menschen sehen alles, was sie tun, als richtig an. Das was für sie gilt, gilt auch für alle anderen. Ihre Überzeugungen, Standpunkte und Verhaltensmuster sind die einzig richtigen.“ Damit meine ich aber nicht Menschen, die Wahrheiten erkannt haben, weil sie sich jahrelang in Selbstreflexion geübt haben, sondern solche, die in ihren rigiden Verhaltensmustern und Überzeugungen agieren und darin stecken geblieben sind. Solche, die unumstößlich überzeugt sind von ihren Ansichten und diese deshalb anderen Menschen überstülpen wollen. Derzeit ist das sehr schön zu erkennen bei der Vorgehensweise der patriarchalen Väterrechtler, aber auch bei anderen Ideologie-AnhängerInnen wie Homöopathen.

Diejenigen, die nun mit solchen IdeologInnen konfrontiert bzw. von diesen „beglückt“ werden, wehren sich gegen diese, weil sie leicht zu durchschauen sind. Doch nun kommt eine, die hat das alles schon längst hinter sich und durchschaut, hat ihre alten angelernten und aufgeschwatzten Überzeugungen weitgehend abgelegt, ihre Verhaltensweisen hinterfragt und geändert und immer mehr Erkenntnisse gewonnen, ist also soweit selbstreflektiert, wie es eben möglich ist. Die neuen Erkenntnisse teilt sie den anderen mit, die aber oft im krassen Gegensatz stehen zu den Überzeugungen, die die anderen trotz allem immer noch haben. Folglich müssen sie das Infragestellen, das Umkippen ihrer Weltsicht als Affront, als Übergriffigkeit empfinden, weil sie nichts anderes kennen von den übergriffigen Mitmenschen und Besserwissern, Ideologieanhängern und patriarchal Verblendeten, die scheinbar genau so handeln. Dabei gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen pathologisch Missionierenden und informierenden AufklärerInnen: Erstere werten, unterstellen, bleiben niemals bei sich, diffamieren, beleidigen, bedrohen bis beschimpfen, letztere eben nicht (solange sie nicht inzwischen selbst angegriffen werden). Sie bleiben auf der Sachebene und teilen Fakten und Wahrheiten mit. Werden aber deren Botschaften im Sinne der ersteren missverstanden, werden sie mit den pathologisch Verblendeten in einen Topf geworfen, und damit tut man ihnen Unrecht.

Wie oft bin ich selbst schon als überheblich, arrogant, übergriffig, besserwisserisch, belehrend, bevormundend bezeichnet worden, darunter von etlichen Frauen. Nur, weil ich die Wahrheit gesagt habe. Nur, weil ich sie aufrütteln oder einfach nur ehrlich sein wollte. Von PsychologInnen wurde mir die Diagnose gestellt, ich könne die Ansichten von anderen nicht annehmen und akzeptieren. Ja, weil sie Bullshit waren, und nicht, weil ich sie nicht neben meinen habe stehen lassen können!

Wie also die „schlimmen“ Fakten den anderen nahe bringen? Ich habe da keine Lösung, außer der, immer so weiter zu machen und nicht müde werden, sie immer wieder zu formulieren und zu wiederholen. Ich bin kontinuierlich dabei, beharrlich die Fakten zu sagen (so es mir möglich ist, denn zeitweise fehlt mir die Kraft und ich werde müde), zu schreiben und dabei kein schlechtes Gewissen zu bekommen, übergriffig zu handeln, denn das tue ich nicht. Es wird aber leider oft so wahrgenommen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Es liegt bei den Wahrnehmenden, denn jede ist für ihre Wahrnehmung, für die eigene Interpretation empfangener Botschaften und ihre Reaktion darauf selbst verantwortlich. Niemand kann andere Menschen ändern oder dazu bewegen, bestimmte Dinge zu verstehen. Diese Menschen müssen selbst verstehen wollen und sich für Botschaften öffnen. Tun sie es nicht, kann die Botschaft noch so sachlich und sorgfältig formuliert sein, sie kommt bei der Empfängerschaft nicht an, weil die Empfängerschaft schlicht nicht empfangen kann oder will. Die Gründe dafür liegen in ihr, und nur sie kann herausfinden, welche Gründe sie am Empfangen hindert.

Das Gegenteil von Empfangen ist Verdrängung, und sie ist ein guter Grund, nicht empfangen zu können. Wahrheiten und Fakten sind für viele Menschen so schlimm, dass sie kaum zu ertragen sind und daher mental verdrängt werden. Das ist dem kollektiven Stockholmsyndrom der Frauen im Patriarchat zu verdanken, denn dieses dient ihnen als Überlebensstrategie in der ungesunden Gesellschaft Patriarchat. Das Schlimmste, was dem Patriarchat passieren kann, ist Wahrheit. Frauen lernten, zu taktieren und einzuschätzen, ob sie sich gegen ihre Peiniger, oft kriegerische Männer, die Frauen als Kriegsbeute ansehen, wehren oder mit ihnen kooperieren und sich mit den misslichen Umständen arrangieren sollten. Milliarden von vergewaltigten Frauen haben gelernt, sich von ihrem Körper zu lösen, zu dissoziieren, um den Schmerz nicht so sehr spüren zu müssen. Das passiert auch heute noch in der Prostitution, welche ein unfassbares Vergewaltigungsverbrechen an den Frauen darstellt. Frauen verdrängen die schlimmsten Schmerzen schlicht um zu überleben und entwickeln ein posttraumatisches Belastungssyndrom. Im akuten Stadium ist Verdrängen die einzige Möglichkeit. Später aber ist es notwendig, behutsam die verdrängten und verschütteten Ereignisse und Gefühle wieder hervor zu holen, um letztendlich eine Heilung zu ermöglichen. Das ist ein langer, schmerzhafter und beschwerlicher Weg, der sich aber in jedem Fall lohnt, denn am Ende stehen Erkenntnis und Klarheit.

Auch in weniger schlimmen Umfeldern als in der Prostitution ist Verdrängung weit verbreitet, in allen patriarchalen dysfunktionalen Familien z. B. Nicht eine einzige Familie im Patriarchat wird verschont von rigiden toxischen Verhaltensmustern. Ich selbst habe das in einem jahrelangen schmerzhaften Prozess Stück für Stück erkennen müssen und verarbeitete meine Erlebnisse und Erkenntnisse in meiner Website über die Schwarze-Schaf-Problematik. Heute weiß ich: Als Kind wurde mir oft nicht die Wahrheit gesagt, meine eigenen wahren Gefühle wurden mir aus- und kleingeredet, bis ich nicht mehr wusste, wer ich eigentlich bin. Ich musste das erst, als ich längst erwachsen war, heraus finden. Erst dann war ich in der Lage, meinen ersten Artikel über Augenhöhe zu schreiben und darin dazu zu stehen, dass ich mich praktisch gar nicht selbst kannte. Doch das ist heute anders, ich weiß, wer ich bin, ich weiß, was ich brauche, ich weiß, was ich will und vor allem was ich nicht mehr will und welche Konsequenzen ich aus meinen Entscheidungen ziehe. Heute muss ich vieles nicht mehr verdrängen. Ich kann sehen und hinsehen. Ich bin klar, ich bin heil.

4 Gedanken zu „Ist das Aufzeigen der Wahrheit übergriffig?

  1. Vielen Dank für deine ehrlichen und echten Worte. Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Ich habe dasselbe erlebt wie du und habe mich aus vielen Mustern und Vorstellungen herausgearbeitet.
    Ein Leben innerhalb dieses patriarchalen Netzes (und damit meine ich auch gleichzeitig vom Verstand und Herzen her außerhalb diese Netzes) fällt mir mittlerweile sehr schwer.
    Anhand meines Sohnes, mittlerweile 7 Jahre alt, sehe ich, dass diese Muster vererbt werden und nicht nur Erziehung dahinter steckt.
    Ich erziehe ihn ganz anders und trotzdem verhält er sich genauso wie die Mitglieder der dysfunktionalen Familien.
    Ich frage mich heute, wie ich mein Leben denn nun gestalten kann, nachdem ich zu mir zurück fand und Vieles erkenne und sehe, was anderen und früher auch mir selbst verborgen bleibt.
    Wie gestaltest du dein Leben heute – mit all dem Wissen und Fühlen?

    Und eines sei dir gesagt: du bist nicht gestört, nicht irrational und auch nicht verrückt.
    Du bist eine der Wenigen, die noch Mensch sind.

    Bewahre deine Selbstreflexion und deinen Mut.

    Liebe Grüße,

    Kati

    • Liebe Kati,
      vielen Dank für deine Worte! Sie haben mir Trost und Zuversicht gegeben, dass ich mich trotz allem, was ich gerade in letzter Zeit erlebt habe, auf dem richtigen Weg befinde.
      Nun will ich versuchen, dir deine Frage „Wie gestaltest du dein Leben heute – mit all dem Wissen und Fühlen?“ zu beantworten; ich muss sie mir nämlich selbst beantworten, denn ich frage mich das auch. Ich stelle fest, dass es für mich statt leichter immer schwieriger wird. Wenn alles durchschaut ist, so vieles, was früher als sicher und auch tröstend galt, sich in Schall und Rauch aufgelöst hat und nun die nackte Wahrheit vor einer liegt, die nicht mehr geleugnet und ausgeblendet werden kann (ich kenne genug Frauen, die weiterhin an dieser Strategie festhalten), dann ist auch, zunächst, jeglicher Halt verloren gegangen. Wie ihn also wieder finden? Ich weiß es nicht. Momentan lebe ich in einigermaßen glücklichen Umständen, die mir vieles erlauben, was früher nicht ging und was auch gerade jetzt für viele Frauen, besonders Mütter, nicht geht. Das aber ist nicht mein „Verdienst“, das ist reine Glückssache. Doch wie mit der Erkenntnis umgehen, dass wir alle in einem (vergoldeten und bespaßten, aber) Kerker leben? Der Weg, diese Wahrheit auszublenden, wird ganz offensichtlich immer noch von vielen gefahren, auch jenen, die sich um Aufklärung rund um das Patriarchat bemühen. Wenn wir nicht akzeptieren, dass wir Teil des Patriarchats sind, wird es uns nicht gelingen, Lösungen zu finden, es nachhaltig und wirksam abzuschaffen. Ist ja auch logisch: Wie wollen wir uns aus dem Kerker befreien, wenn wir nicht realisieren wollen, dass wir in einem gefangen sind? Immer wieder bedienen gerade wir Frauen unser kollektives Stockholmsyndrom, leugnen aber gleichzeitig, dass wir unter einem leiden. Meine echte Ehrlichkeit ist mir mehr als einmal zum Verhängnis geworden. Nicht nur, dass ich sie selbst konsequent lebe, mich überrollen oft Überraschungen, wenn ich feststellen muss, dass ich sie auch von anderen erwartete, als gegeben annahm und eines besseren belehrt wurde. Menschen, die sich durchschaut fühlen, können sogar sehr gefährlich werden, daher breche ich zu solchen jeglichen Kontakt ab. Aber was soll ich denn machen, wenn ich oft vieles sehen kann, was andere nicht sehen können (wollen), und das aufgrund meiner jahrelangen Übung in Selbstreflexion, meiner Arbeit an mir selbst? Ich kann natürlich darüber schweigen. Das tue ich aber dann erst recht nicht, wenn ich auch noch dazu aufgefordert werde. Oder mitteilen. Die Reaktionen zeigen dann, ob ich wirklich und wahrhaftig verstanden worden bin. Oder eben nicht.
      Damit zu leben ist nicht leicht. Aber ich kann mir wirklich und wahrhaftig in den Spiegel sehen. Ich kenne mich. Ich weiß, wer ich bin. Wer mich kennen lernen will, muss das wissen. Oder einen großen Bogen um mich machen.

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