Selbstreflexion – wie geht das eigentlich?

Oder: Eine Handlungsanleitung für ein verantwortliches Leben

Ich schrieb in letzter Zeit viel über Selbstreflexion und darüber, dass ich sie für absolut notwendig halte, um Lösungen zur Abschaffung des Patriarchats zu finden. Doch viele wissen gar nicht, wie sie sich selbst reflektieren können und was genau damit eigentlich bezweckt werden soll. Daher schreibe ich hier mal einige wichtige Punkte auf.

Detektiv spielen in eigener Sache

Selbstreflexion ist nichts anderes, als sich selbst zu erforschen und zu erfahren. Sie ist eine Reise zu sich selbst und ein Prozess, der in uns selbst große Veränderungen herbei führt. Ein Mensch, der sich auf den Weg gemacht hat, sich selbst zu reflektieren, lernt nicht nur sich selbst immer besser kennen, sondern auch andere Menschen. Das Verhalten gegenüber sich selbst und den Mitmenschen wird sich verändern. Die Erkenntnisse werden sich mehren. Der Geist wird wacher, die Sicht weiter und die Zusammenhänge des Lebens klarer. Es lohnt sich immer, diesen Weg zu gehen.

Sei dir gegenüber aufmerksam

Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber kann erlernt werden durch einfache Meditationstechniken. Verschüttete Gefühle können z. B. durch eine so genannte Körperreise ans Licht gebracht werden. Setze dich bequem hin, schließe die Augen und geh mit dem Geist durch den Körper, angefangen mit den Füßen, über die Beine, den Bauch, den Rumpf, die Brust, die Arme, den Hals, den Kopf. An jeder Station kannst du aufmerksam in dich hinein fühlen, wie es sich dort gerade anfühlt. Dabei kann es sein, dass unangenehme Gefühle hoch kommen. Wichtig ist, diese dann nicht zu bewerten und abzuwehren, sondern anzunehmen. Wenn du z. B. Angst verspürst, dann ist es vollkommen in Ordnung, diese Angst gerade zu spüren. Lass sie zu und verdränge sie nicht.

Bewerte nicht

Nimm die Dinge so wie sie sind, ohne sie mit dem Gewicht eines Wertes zu belasten. Das gilt besonders für deine Gefühle. Die Werte, die du den Dingen des Lebens zuschreibst, entspringen deinen angelernten und antrainierten Überzeugungen aus der Kindheit. Hinterfrage sie und sieh dir an, welchen Wert du einer Sache oder einem Gefühl zuteilst und frage dich, wie es dazu kam und ob es für dich gerechtfertigt ist.

Sieh dir deine Missverständnisse an

Sei dir im Klaren darüber, dass deine Missverständnisse immer bei dir selbst angesiedelt sind und mache nicht deine Mitmenschen dafür verantwortlich. Bemühe dich um Verständnis für alle Botschaften, die dich erreichen. Was du mit den Botschaften der anderen machst, liegt ganz allein in deiner Verantwortung, also auch, was du aus ihnen heraus hörst oder liest. Deine Interpretationen sind immer Missverständnisse der Botschaften, die dich erreichen. Dann entsprechen sie nicht mehr ihrem eigentlichen Inhalt.

Urteile nicht

Wenn du deine Missverständnisse nicht revidierst trotz Klarstellungen, dann haben sich bei dir Urteile gebildet. Werde dir bewusst, dass sie nur dazu dienen, die anderen ab- und damit dich selbst aufzuwerten. Wenn du ein nur geringes Selbstwertgefühl hast, dann wirst du eher dazu neigen. Wenn du dir deine Urteile genau ansiehst, dann wirst du feststellen, dass es in Wirklichkeit Urteile über dich selbst sind.

Bleibe bei dir

Sprich immer von dir selbst, niemals für andere. Du kannst nur für dich selbst sprechen und nur von dir selbst wissen. Was bei anderen los ist und was sie fühlen, denken, wissen, das kannst du nicht wissen. Also lass es bei den anderen und spekuliere nicht, was deren Beweggründe sein könnten, sondern beschäftige dich mit deinen eigenen.

Höre zu

Konzentriere dich auf dein Gegenüber, lass die Worte auf dich einwirken, lass dein Gegenüber ausreden (wenn du ständig unterbrichst, kannst du zwangsläufig auch nicht zuhören), nimm eine offene Haltung ein und wehre nicht ab. Verstehst du etwas nicht, dann frage nach und hole dir ein Feedback. Bleibe auf der Sachebene und versuche nicht, in die Botschaften der anderen etwas hinein zu interpretieren.

Sei nicht beleidigt

Fühlst du dich beleidigt, dann ist das ein Hinweis darauf, dass dich irgend etwas an einem wunden Punkt getroffen hat. Deine wunden Punkte aber kennst nur du selbst. Wenn sie dir noch nicht bewusst sind, dann mache dich auf die Suche nach ihnen. Der Volksmund nennt sie Fettnäpfchen. Verantwortlich ist nicht, wer in diese Fettnäpfchen tritt. In Wahrheit muss du selbst auf deine Fettnäpfchen acht geben. Das geht um so leichter, je besser du sie kennst. Sieh also jedes Mal genau hin, wenn du dich beleidigt fühlst.

Miss nicht mit zweierlei Maß

Kritisierst du gern andere, bist aber zutiefst beleidigt, wenn du von anderen kritisiert wirst? Dann misst du mit zweierlei Maß. Für dich ist es richtig, andere zu kritisieren. Du selbst aber kannst keine Kritik vertragen. Oder du belehrst gern andere. Wenn diese dir aber etwas mitteilen wollen, dann fühlst du dich plötzlich selbst belehrt und wehrst ab. Frage dich also ständig: Ist das, was ich mit anderen mache, auch in Ordnung, wenn diese es mit mir machen? Und machen die wirklich gerade das mit mir, was ich glaube?

Projiziere nicht

Wenn du keine Verantwortung für deine Defizite übernehmen kannst, dann projizierst du sie automatisch auf sich dafür anbietende Mitmenschen. Es sind genau die, deren Verhalten du verurteilst. Dann kannst du sicher sein, dass das Verhalten, was du an ihnen ablehnst, genau bei dir selbst anzutreffen ist. Werfe also nicht den anderen deren Verhalten vor, sondern sieh dir dein eigenes an. Was ist es, was du an den anderen so verabscheust? Kann es sein, dass du dich selbst in Wirklichkeit damit verachtest?

Manipuliere nicht

Verstecke deine wahren Botschaften nicht in irritierende Verpackungen. Richte deinen Blick auf das Was und nicht auf das Wie deiner Botschaft. Bleibe auf der Sachebene. Es ist nicht nötig, wahre Botschaften zu verpacken, um Mitmenschen zu irgend einer Reaktion zu bewegen. Sie werden für sich selbst entscheiden können, was sie mit deiner Botschaft anfangen.

Übernimm Verantwortung

Übernimm für das, was du anderen mitteilen willst, die volle Verantwortung. Werde dir darüber klar, was du mitteilen möchtest, und dann formuliere es sachlich. Du kannst auch Gefühle sachlich formulieren. Bist du z. B. sehr wütend, dann lass die Wut zunächst raus (aber möglichst nicht an anderen Mitmenschen). Wenn die Wut verraucht ist, dann kannst du eine sachliche Botschaft formulieren, dass dich etwas sehr wütend macht.

Lerne von dir und anderen

Wenn du die obigen Punkte ab heute beherzigst, dann hast du den ersten Schritt zur Selbstreflexion getan. Der Prozess kommt jetzt in Gang. Du wirst immer mehr über dich selbst lernen, aber auch immer mehr von anderen.  Du wirst weitere Menschen kennen lernen, die sich ebenfalls auf ihren Weg gemacht haben. Du kannst dich ihnen öffnen und deinerseits von ihren Erkenntnissen und Erfahrungen lernen. Ziehe, wenn du älter bist, die Möglichkeit in Betracht, von jüngeren zu lernen. Scheue dich nicht, wenn du jünger bist, älteren deine Erkenntnisse zu vermitteln. Öffne dich für Neues und Ungewöhnliches. Denke nicht, dass deine Erkenntnisse der Weisheit letzter Schluss sind.

Sei geduldig

Der Prozess, der nun in Gang gekommen ist, ist ein langwieriger, und er wird ein Leben lang anhalten. Du bist niemals fertig mit der Selbstreflexion. Manchmal denkst du, dass du Rückschritte machst. Es wird auch Rückschläge geben. Die sind aber notwendig, damit du noch einmal über diesen Punkt nachdenkst, bis du ihn abgearbeitet hast. Dann wird es weiter gehen. Gestehe dir auch zu, dass du deine Erkenntnisse manchmal nicht auf dich selbst anwenden kannst. Es wird Widerstände von den anderen geben, Vorwürfe, Urteile. Dann mache dir bewusst, dass es nur die Abwehrreaktionen der anderen sind, die sich mit der Veränderung, die du selbst durchläufst, noch nicht anfreunden können. Bleib geduldig und auf dem Weg. Eines Tages wirst du damit umgehen können.

Wenn du allerdings meinst, dies alles hier betrifft dich nicht, sondern nur die anderen, dann hat dich die Botschaft dieses Artikels nicht erreicht.

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2 Gedanken zu „Selbstreflexion – wie geht das eigentlich?

  1. Hab das gerade nochmal gelesen, sind wirklich sehr weise Worte. Manche Aspekte kannte ich noch nicht und manches ist auch schwerer als die anderen Punkte. Aber wenn alle an sich arbeiten würden könnte viel verbessert werden.

  2. Pingback: Patriarchale Glaubenssätze und was sie für eine Rolle in der Psychologie spielen | Suedelbien

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