Klappe halten

Es wurde mir schon oft bescheinigt, dass ich nicht die Klappe halten könne. Das stimmt, das konnte ich noch nie und kann ich immer weniger. Je älter ich werde, desto deutlicher sehe ich, wenn jemand nur blenden will und Dummheiten erzählt. Ich kann mich dann auch nicht mehr „beherrschen“ und sage diesen Leuten, meistens Männern, ins Gesicht, was ich denke. Zum Beispiel bin ich mir nicht zu schade, jemandem zu sagen, er möge mal ganz gepflegt die Klappe halten, wenn ich merke, dass er von dem, wovon er redet, nicht die geringste Ahnung hat. Daraus wird mir dann dieser Strick gedreht: Ich begebe mich auf dessen Niveau hinab. Tue ich das wirklich, wenn ich demjenigen meine Wut und unendliche Genervtheit vor die Füße werfe? Ich finde nicht, im Gegenteil, ich gebiete ihm Einhalt. Ich glaube, das ist auch so ein patriarchales Ding: Männer erlauben sich ständig, uns Frauen den Mund zu verbieten mit den beleidigendsten Worten. Aber wehe, es passiert mal anders herum. Nein, ich finde, diesen Kerlen muss Einhalt geboten werden, wenn nötig mit harschen Worten! Ich will nicht mehr schweigen und dann auch noch gesagt bekommen, ich begäbe mich da auf ein niedriges Niveau. Genau das tue ich damit ja eben nicht.

Nächster Vorwurf: Ich kommuniziere gewalttätig. „Gewaltfreie Kommunikation“ ist ein Begriff, den ich auch schon von Männern gehört habe, die mir vorwarfen, ich würde nicht gewaltfrei kommunizieren, weil ich es gewagt habe, ihnen zu sagen, sie mögen mal bitte über etwas nachdenken. Es ist nichts anderes als ein Spieß umdrehen und ein damit (sehr wirkungsvolles!) erreichtes Mundtotmachen. Denn wer möchte sich schon vorwerfen lassen, gewalttätig zu kommunizieren?

Ferner wird mir, gerade in letzter Zeit, vorgeworfen, meine eigenen Erkenntnisse nicht anwenden zu können. Z. B. schreibe ich über übergriffiges Verhalten, verhielte mich aber selbst übergriffig. Dazu ist zu sagen: Erstens muss ich mir meine eigenen Erkenntnisse immer wieder selbst vor Augen führen, um nicht wieder in alte Muster zurück zu fallen. Das ist normal und Teil des Prozesses. Ich kann aber versichern, dass ich das inzwischen gut geübt habe und sehr darauf achte. Sollte ich mich dennoch mal übergriffig verhalten, dann tut es mir leid und ich entschuldige mich dafür. Zweitens aber weiß ich auch sehr genau, dass viele gar keine Vorstellung davon haben, was es überhaupt bedeutet, sich übergriffig zu verhalten. Es bedeutet z. B. nicht, jemandem Fakten zu nennen, die diese/r nicht kennt. Dann ist das keine übergriffige Belehrung, sondern einfach das was es ist, eine Benennung der Fakten. Doch es wird als Belehrung missverstanden. Mir wird vorgeworfen, Unwissenheit und Unkenntnis zu unterstellen. Meistens kommen solche Vorwürfe dann von Leuten, die nicht wissen, dass sie, und zwar sie ganz allein, für ihre Sicht der Dinge verantwortlich sind. Es gilt hier der einfache Grundsatz: Gehört (bzw. gelesen) ist nicht verstanden. Für ihre Missverständnisse sind die Menschen selbst verantwortlich. Das ist eine Tatsache, und es nützt auch nichts, sie als Esoterik abzutun (der Esoterik-Vorwurf kommt oft dann, wenn Unverständnis vorliegt).

Ferner wird mir vorgehalten (und auch anderen Frauen, die mein Wissen weitestgehend teilen), dass ich mit dieser Ausdrucksweise, wie ich sie an den Tag lege, wohl kaum andere erreichen werde. Ich soll also mal daran arbeiten, mich verständlich, nett und freundlich auszudrücken, damit es auch andere verstehen können, damit sie „Lust“ bekommen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Dazu ist zu sagen: Was mache ich denn hier die ganze Zeit auf diesem Blog? Ich schreibe meine Erkenntnisse nieder. Nicht mehr und nicht weniger. Ich schreibe über das Patriarchat, über meine Erlebnisse, über Zwischenmenschliches, über Kommunikation. Jede Frau und jeder Mann, die im Internet unterwegs sind, kann dies hier bei mir nachlesen. Wer will, kann sich mit den Inhalten beschäftigen, wer nicht will, muss das  auch nicht. Wenn ich Menschen begegne, die nicht über mein Wissen verfügen und bei denen noch sehr viel davon fehlt, dann gebe ich ihnen oft einfach nur den Link zu meinem Blog, wenn sie von mir etwas wissen wollen. Ich hole dann nicht jedes Mal aus und erkläre alles haarklein an Ort und Stelle. Besonders dann nicht, wenn von mir vehement „Belege“ zu meinen „Behauptungen“ gefordert werden.

Eine Frau hat mir einmal gesagt, ihr gefiele manchmal mein Ton nicht. Nein, mein Ton soll auch nicht gefallen, er soll aufhorchen lassen, aufrütteln, stören, unangenehm sein, wecken. Die Zeit für Schönwetter ist vorbei, jetzt sind Blitz und Donner angesagt.
Manchmal schreibe ich sarkastische Rants, z. B. den über das männliche Fehlverhalten. Dass mir jedoch ausgerechnet von Frauen bescheinigt wird, mit dieser Art von Kommunikation niemanden zu erreichen, geht mir inzwischen gelinde gesagt am A… vorbei. Ja, mein Ton ist schnodderig, unschön, provokant, manchmal sarkastisch, zynisch, verstörend. Macht nichts. Soll so sein. Wer mit mir nicht klar kommt, kommt mit mir eben nicht klar. Das ist nicht mein Problem. Das Defizit liegt beim entsprechenden Gegenüber.

Schwer zu verstehen? Ganz offensichtlich für so manche. Aber ich kann ihnen nicht den Gefallen tun, so zu sein wie sie mich gerne hätten. Und wie soll das auch aussehen, wie hätten Sie mich denn bitte gern? So wie ich bin jedenfalls nicht. Damit kann und vor allem will ich leider nicht „dienen“. Ich werde also weiterhin die Klappe nicht halten. Auch werde ich weiterhin dreiste Behaupter und Welterklärbären, aber auch unverständige Frauen, die nicht aufhören können, mir ihre eigenen Missverständnisse unter die Nase zu reiben, auffordern, eben genau dies zu tun: Die Klappe zu halten.

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5 Gedanken zu „Klappe halten

  1. Hallo Kirsten,
    da ich mich hier angesprochen fühle, möchte ich Dir gern noch etwas antworten. Ob ich hier öffentlich meine Klappe aufmachen darf, ist ja dann Deine Entscheidung.

    Natürlich kannst Du Deine Klappe auf- und zumachen, wie Du es Dir gefällt. Wenn es für Dich wichtig ist, kannst Du auch anderen den Mund verbieten. Ein Dialog ist das dann allerdings nicht und ob Dir die anderen nach dem „Klappe-halten-Befehl“ brav gehorchen ist ihre Sache.

    Es ist gut, dass Du auf Missstände aufmerksam machst und informierst. Ich habe eine Menge von Dir gelernt. Dein Gebahren auf meiner privaten Facebook-Seite und auch in anderen Timelines verstehe ich dennoch zunehmend nicht und empfinde es nur noch als Gestänker und Getrolle. Du meckerst rum, machst Vorwürfe und kritisierst und stellst einen großen Teil von Frauen als blind und dumm dar. Wenn man dann trotzdem noch etwas genauer wissen will, was denn Dein Motiv und Deine Intention ist, verweist Du eventuell unter genervtem Gestöhne auf Deinen Blog. Erklären möchtest Du nicht mehr, weil Du meinst, Du hast schon alles erklärt.

    Ich frage mich dann dennoch, warum Du trotzdem weiter austeilst, weil Du ja offensichtlich keinen Dialog anstrebst. Somit darf man scheinbar nur von Dir lernen und Dich ehrfürchtig bejahen, weil Du Deiner Meinung nach alles verstanden hast – sonst nichts. Seinen eigenen Kopf einschalten und erst einmal verstehen und nachvollziehen – Schritt für Schritt – darf man nicht.

    Ich habe mich ja auf Deine Anregung hin eine Zeit lang in den FB-Gruppen zur Matrifokalität aufgehalten. Auch da habe ich viel gelernt. Allerdings frage ich mich, warum ich angestänkert werde, wenn ich mein Profilbild ändere und mich an Protesten zum Weltfrauentag beteilige (Du hast mich nie gefragt, mit welchem Hintergrund, im übrigen) und Frauen, die mal ein schönes, rotes Zelt abhalten oder sich matrifokale Bilder angucken oder ein Oster-Ritual feiern nicht von Dir mal gefragt werden, was das denn tatsächlich zu einer Veränderung beiträgt. Ich war auch schon in Frauenkreisen. Es ist schön. Es tut gut. Aber viele Frauen lassen sich dadurch wiederum einlullen und werden nicht laut und aktiv.

    Auf meine Frage hin, was wir denn für eine Veränderung tun können, kam von Dir nur: Rückbesinnung. Ja, ich habe mich zurückbesonnen, auch wenn Du mir unterstellst, ich würde nichts verstehen. Aber mir reicht es nicht, in einem friedlichen Frauenkreis zu sitzen und meine Klappe zu halten. Und Rückbesinnung allein und die Erkenntnis, dass ja jetzt im Patriarchat sowieso alles Scheiße ist, reicht mir auch nicht. Da rutsche ich schnurstracks in eine Depression und kann gar nichts mehr tun. Ich habe jetzt noch etwa 30 Jahre zu leben – ich bin nämlich auch schon fast 50 und habe auch schon viel erlebt. Diese Jahre werde ich nicht damit verbringen, depressiv in einem Frauenkreis die schlimmen Auswirkungen des Patriarchats zu beobachten und mich rückzubesinnen und andere Frauen fertigzumachen, weil die Doofen nichts kapieren.

    So, und nun habe noch ein schönes Leben.
    Rona

    • Noch einmal zur Klarstellung: Ich habe dir nicht den Mund verboten, auch nicht andere als blind und dumm hingestellt, und ich habe dir auch nicht unterstellt, nichts zu wissen, und das habe ich dir auch mehrmals versichert. Dennoch fasst du es weiterhin so auf. Auch sagte ich dir ganz am Anfang, als wir und kennen lernten, dass ich zunehmend müde bin. Ja, ich bin müde, weil ich das Gefühl habe, meine Bemühungen fruchten nicht. Und nicht weil ich meine, ich habe schon alles erklärt. Sondern weil ich müde bin und mich nicht ständig wiederholen möchte. Ich bin auch nur ein Mensch. Auch das schrieb ich in dem Thread, in dem ich mich massiv angegriffen fühlte und den ich deshalb gelöscht habe. Die derzeitige feministische Bewegung macht mich nur noch wütend, und ganz besonders die Weigerung (damit meine ich nicht dich persönlich), sich mit den Themen zu beschäftigen. Ich möchte hinaus schreien: Versteht doch endlich! Seht doch endlich hin! Denn es ist doch da, es kann nachgelesen werden. Und ganz sicher verbiete ich niemandem, den eigenen Kopf einzuschalten und zu denken, im Gegenteil. Doch wenn ich merke, dass klarstellen nichts nützt, dann ziehe ich mich zurück. Ohne jede weitere Erklärung. Ich habe niemanden beleidigt, ich habe niemanden als doof deklariert, fertig gemacht schon gar nicht. Diese Worte kommen hier und jetzt von dir. Von dir ganz allein. Ich kann mich nur wiederholen: Das ist deine Sicht der Dinge, und dazu sage ich nur noch: Bitte schön, ganz wie du willst. Aber du sollst wissen: Auch ich bin verletzlich und solche Worte verletzen mich. Doch ganz sicher sitze ich nicht depressiv hier herum und igel mich für den Rest meines Lebens ein. Veränderung geschieht übrigens nur im Inneren. Im Rückbesinnen. Im Sich-Reflektieren. Und das immer wieder, das braucht Zeit und Übung. Mehr ist es nicht.

      • Noch zur Ergänzung: Ich bin parallel auf Twitter in DMs von einer anderen Person mit Vorwürfen überschüttet worden, zu denen ich einfach nichts mehr sagen wollte, denn sämtliche Klarstellungen meinerseits kamen bei ihr gar nicht mehr an. Ich wollte nur noch in Ruhe gelassen werden, was ich mehrmals schrieb, aber von der anderen Person partout nicht respektiert wurde. Ich sah dann keine andere Möglichkeit mehr als sie zu blocken. Das meine ich mit „Klappe halten“: Wer trotz Klarstellung meiner Aussagen auf den eigenen Missverständnissen, also der eigenen Sicht der Dinge, beharrt, ohne auch nur ansatzweise inne zu halten und zuzuhören, dem kann ich nichts mehr mitteilen. Hört die Person dann immer noch nicht auf, mich zuzutexten, dann reagiere ich mit einem sinngemäßen „Halt die Klappe!“. Das kann blocken sein oder Weggehen oder was auch immer.

  2. liebe Kirsten, liebe Rona… ich verstehe euch beide und nur zu gut…
    aber schauen wir mal auf das Wort Rückbesinnung… was versteht man denn so darunter?
    Vermutlich jede etws anderes.
    Ohne eine kleine Erläuterung, die wenigstens die Richtung vorgibt in welche sich dieser Gedanke entwickeln kann, ist doch das Missverständnis schon vorprogrammiert. Ich sage mal kurz hier, was ich zum Beispiel damit meine. In besagter FB-Gruppe, die sich als Arbeitsgruppe versteht, geht es um das Erkennen und das Verständnis unseres menschlichen Ursprungs und der Erforschung unserer artgerechten Lebensweise und die trostlose Tagespolitik dient bestenfalls als Beweis dafür, dass es schleunigst eines Paradigmenwechsels bedarf. Hier nimmt Rückbesinnung eine Dimension an, die über unseren gelebten Patri-Alltag, unser persönliches Empfinden oder diverse Befindlichkeiten noch hinaus geht. Patriarchatskritik, Matriforschung, eigene Aha-Erlebnisse zeigen uns, dass alles dicht miteinander verwoben ist. Mein kleiner Exkurs zu Ehrenrettung der Steinzeit ist z.B. eine Form meiner permanenten Rückbesinnung gewesen – die Sicht auf die Zeiten unserer matrifokalen Urgründe, auf die Entstehung des humanen Menschseins.
    Also reden wir weiter miteinander und fragen: wie radikal ist der Radfem wirklich? Fordern wir als Frauen und damit als Mehrheit der Menschheit, das Matrifokal zurück? Denn unter dem sollten wir es einfach nicht tun…

    • Mit Rückbesinnung meine ich sowohl das Besinnen auf sich selbst als auch auf die menschliche Natur und damit auch deren Geschichte, und es hängt natürlich beides miteinander zusammen. Wenn wir uns auf unsere Natur rückbesinnen, dann können wir auch unsere Annahmen und angelernten Überzeugungen hinterfragen. Es geht aber auch anders herum: Erst die alten Muster hinterfragen, reflektieren, verstehen und ändern, und ganz allmählich in der Menschheitsgeschichte zurück gehen, die Entstehung des Patriarchats verstehen, die Auswirkungen auf die Psyche, die es hat und auch wie tief diese gehen, verstehen. Die radikalste Erkenntnis ist doch, dass so, wie wir uns heute verhalten und miteinander umgehen, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen, die Selbstverständlichkeiten, mit denen wir aufgewachsen sind, von denen wir uns behandelt sehen, das genaue Gegenteil unserer menschlichen Natur ist. Auch dass die Menschen die längste Zeit ihrer Geschichte in natürlichen Verhältnissen lebten und „erst“ seit 10 000 Jahren prekär und defizitär. Natürlich können wir das heute nicht nachempfinden, aber lernen, dass es so ist, und dieses Wissen gehört nicht nur in Bücher ohne Verlag und in FB-Gruppen oder in Blogs, sondern in die Schulen. Die gesamte Gesellschaftsform, in der wir leben, muss hinterfragt werden. Länder, Grenzen, Eigentum, Besitz, Regierungen, Herrschaft, all das ist dem Patriarchat geschuldet und hat mit unserer matrifokalen Natur nichts zu tun. Das ist Rückbesinnung, aber davon sind wir noch weit entfernt.

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