Moral ist das Gegenteil von Würde

In den heutigen Gesellschaften und Lebensgemeinschaften wird nach moralischen Werten gemessen, geurteilt oder bewertet. Moral definiert das Handeln nach bestimmten Konventionen und Regeln, die in einer Gesellschaft festgelegt und zum einen per Gesetz definiert sind, zum anderen über kulturelle Übereinstimmungen gelten. Alle Lebewesen einer Gesellschaft werden deshalb moralischen Werten unterworfen, nach denen sie sich zu richten haben und dies erfahrungsgemäß mehr oder weniger tun. Tun sie es nicht, entscheidet eine eigens dafür eingerichtete moralische und rechtliche Instanz darüber, ob und wie schwer sie dafür zu verurteilen sind. Wobei Recht und Moral nicht immer übereinstimmen müssen.

Doch Würde misst sich nicht an äußeren Maßstäben. Für Würde gibt es nur einen Maßstab, und der liegt im Inneren eines jeden Menschen und jeden Lebewesens. Würde ist der Maßstab. Jedes Lebewesen hat Würde inne. Sie ist nicht definierbar, weil sie ist was sie ist, aber spür- und fühlbar. In besonderer Achtsamkeit dem Leben gegenüber und indem es in vollem Ernst und in seiner Ganzheit angenommen wird, kommt Würde am deutlichsten zum Ausdruck. Dazu gehören alle Facetten des Lebens, Stärken, Schwächen, Begabungen, Krankheit, Geburt und Tod.

In dieser Gesellschaft wird aber die Moral mit Würde gern verwechselt, dabei schließen sie sich gegenseitig aus. Dies mag revolutionär klingen, wird heutzutage doch geglaubt, Würde und Moral seien ein und dasselbe oder Ähnliches oder haben direkt miteinander zu tun. Es wird geglaubt, die Moral müsse dafür sorgen, dass die Würde garantiert sei. Gäbe es keine Moral, so wird argumentiert, wäre die Gesellschaft anarchisch und somit würdelos. Doch das ist ein Irrtum: Die Würde ist die alleinige Instanz, die Anarchie im Sinne von lebenszerstörendem Chaos verhindert. Sie ist nicht umsonst in Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verankert. Doch unabhängig davon, ob in einem Gesetzestext der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ steht oder nicht: Würde ist uneinforderbar, uneinklagbar und unabsprechbar, denn sie steht automatisch allen Lebewesen zu. Sie ist das, was das lebende Wesen ausmacht, ja, was überhaupt erst das Alleinstellungsmerkmal all dessen ist, was lebt. Der Satz im Grundgesetz ist somit keine Weisung oder Ermächtigung oder Forderung: Er ist schlicht eine Feststellung. Und er steht da, damit wir uns immer wieder daran erinnern.

Kann eine Gesellschaft ohne Moral existieren, wenn sie sich ausschließlich auf die Würde ihrer Individuen stützen würde? Kritiker halten dagegen, ohne Moral gäbe es kein friedliches Zusammenleben, weil alle nur auf den eigenen Vorteil bedacht wären und somit die anderen in ihrem Sinne benutzen oder ausnutzen würden. Fehlende moralische Konventionen würden als Freifahrtschein missverstanden, sich zu „verwirklichen“ und egoistisch die eigenen Interessen auszuleben ohne Rücksicht auf andere. Doch Würde ist kein Freifahrtschein. Menschen, die in Würde handeln, brauchen keine moralischen Regeln, die ihnen sagen, wie sie so zu handeln haben, dass sie anderen nicht schaden. Sie wissen es automatisch, denn die Würde definiert das Sein ohne Bewertungen von außen. Wird das Leben nicht geachtet, wird die Würde verletzt.

Im patriarchalen und kapitalistischen System jedoch ist die Würde der Individuen in höchstem Maße gefährdet und wird tagtäglich auf allen Ebenen des Zusammenlebens verletzt. Im Kapitalismus geht es nicht um Menschen, sondern um Gewinnmaximierung, Marktoptimierung, Warenherstellung, Konsum, Kapitalanhäufung und das ewige Wirtschaftswachstum. Nun wird auch klar, warum die Moral in so einem System gebraucht wird: Weil die Menschen ihrer Würde beraubt werden, und zwar so sehr, dass sie sich ihrer gar nicht mehr bewusst sind. Es fehlt ihnen also der innere Halt, der innere Maßstab, als Mensch in dieser Gesellschaft zu existieren. Sie brauchen statt dessen den Halt der äußeren moralischen Maßstäbe. Es ist logisch: Wo es nur um Geld und Materialismus geht, geht es nicht um die Menschen und folglich auch nicht um ihre Würde.

Das Patriarchat indes sorgt seit tausenden Jahren dafür, dass die eine Hälfte der Menschheit die andere unterdrückt, ausbeutet, benachteiligt, benutzt, zum großen Teil inzwischen unbewusst (und von der Finanzlobby sogar gefördert), da wir alle in diese Welt hineingeboren wurden und somit mit den Konventionen aufgewachsen sind, die wir unhinterfragt verinnerlicht haben. Besonders deutlich wird das bei dem Thema Prostitution. Gerade an der derzeitigen unsäglichen Debatte um die Liberalisierung der Prostitution wird sehr deutlich, dass es mit der Würde in dieser Gesellschaft, in diesem Land nicht sehr weit her ist. Ganz egal, wie sehr die BefürworterInnen behaupten, die Frauen machten ihre „Arbeit“ selbstbestimmt und freiwillig: Sie machen es für Geld. Sie dienen dem Kapitalismus und dem Patriarchat, denn ohne gäbe es die Prostitution gar nicht. Prostitution hat mit Würde nicht das Geringste zu tun. Ich mag das hier nicht weiter ausführen, denn es ist alles bereits gesagt worden dazu.

Mit einem Theologen habe ich letztens darüber diskutiert, inwiefern Werte und Bewertungen im Zwischenmenschlichen wichtig sind. Er hielt es für sehr wichtig, meinte, der Mensch solle sogar sich und andere bewerten und beurteilen, aber dennoch stolz darauf sein was er sei. Dazu sage ich: Stolz ist auch ein Begriff, mit dem Würde gern verwechselt wird, doch er ist eng und beschränkt durch die Anhaftung an moralische Werte. Bewerten und Urteilen setzt immter einen Maßstab voraus. Ist Würde der Maßstab, erübrigt sich ein Bewerten.

Es gibt keinen Wert außer Würde. Es reicht zu sein.

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2 Gedanken zu „Moral ist das Gegenteil von Würde

  1. Gefällt mir sehr gut und macht sehr nachdenklich. Ich weiß nicht, ob ich in allem zustimme, aber das ist ja auch nicht so wichtig. Das mit dem „bewerten“ ist in der Tat eine schwierige Kiste, irgendwie wird ständig bewertet und mir fällt häufig auf, dass es besser wäre, es nicht (immer) zu tun. Zur Moral habe ich eine etwas abweichende Auffassung – es lohnt sich aber anhand des oben geschriebenen noch mal zu hinterfragen.

    Herzliche Grüße,
    Roma

  2. Pingback: Das Pro-Prostitutions-Bullshit-Bingo | Suedelbien

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